Den Geschmack von Aloha im Glas

Erst riechen, dann kosten. Acht verschiedene Biere wird Esther Isaak de Schmidt-Bohländer ihren Gästen anbieten.
Erst riechen, dann kosten. Acht verschiedene Biere wird Esther Isaak de Schmidt-Bohländer ihren Gästen anbieten.

Es gibt kein Bier auf Hawaii – Von wegen! Esther Isaak weiß es besser und kredenzt edle Biere aus aller Welt in Wittenberge

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12. Februar 2020, 12:47 Uhr

Mit einem Plopp öffnet Esther Isaak de Schmidt-Bohländer die braune Bierflasche mit der neckischen, blauen Welle und vier Kanuten auf dem Etikett. Sie schenkt ein. Wie eine dicke, weiße Wolke liegt der Schaum auf der goldenen Flüssigkeit aus Hawaii. „Aloha“, flüstert sie. Das hawaiische Wort steht für Liebe, Zuneigung, Sympathie. All das empfindet sie für ein Bier – wenn es ein gutes ist. Esther Isaak schwenkt das kleine, knuppige Glas. Sie riecht daran. „Ananas“, sagt sie und trinkt einen Schluck.

Craft Beer. Das gibt es bisher in Wittenberge eher selten, abgesehen von Sonderaktionen in Prignitzer Märkten. Jetzt zieht die Hamburgerin Esther Isaak mit ihren Kisten voll Bieren aus aller Welt in den Stadtsalon Safari am Bismarckplatz – zumindest für einen Abend. Am Sonnabend lädt die 55-Jährige zu ihrer zweiten Craft-Beer-Verkostung ein.

Ihr Weg bis nach Wittenberge war lang. Er beginnt in einem fernen Land, in dem ebenfalls sehr gerne Bier getrunken wird. In Paraguay. Die Liebe zum Bier liegt ihr gewissermaßen im Blut. Esther Isaak ist geborene Paraguayerin und die Paraguayer lieben Bier, vor allem Lager und Pils. Zum Durstlöschen, denn „bei 43 Grad im Schatten kann man maximal Pils trinken“, sagt sie.

Mit 20 Jahren zog es sie nach Deutschland. Ergänzend zu ihrem heimischen Schulabschluss machte sie das deutsche Abitur und studierte die deutsche Sprache. Ein Hamburger eroberte ihr Herz. Sie sagte ihrer Heimat Tschüss, blieb der Liebe wegen in der Hansestadt. Esther Isaak unterrichtete Spanisch, arbeitete viele Jahre lang als Simultandolmetscherin. „Ich habe für Bundeskanzler in den 90er-Jahren gedolmetscht“, verrät sie.

„Irgendwann habe ich gedacht, ich habe auch eine Botschaft“, erzählt sie. Und diese findet sie im Bier. „Ich hatte die Idee, Bier mal ins Regal zu stellen.“ Die Kisten mit den braunen Kronkorkenflaschen sollten nicht länger irgendwo unten im Supermarkt oder draußen in der prallen Sonne stehen, sondern auf Augenhöhe des Kunden. „Warum nicht Bier den gleichen Wert geben, den Wein genießt“, fragt Esther Isaak.

2005 eröffnete sie ihr Bierfachgeschäft in Hamburg Wandsbek: 30 Quadratmeter, 300 verschiedene Bier aus aller Welt. „Ich war der erste Bierladen in Hamburg, der das so zelebriert hat“, sagt die Geschäftsfrau. Aus gutem Grund. Bier sei wertvoll und komplexer als Wein. Es gäbe hunderte Hopfensorten, zwölf unterschiedliche Getreidesorten für das Malz und dann noch verschiedene Röstgrade, Wasserhärten und Hefen. Gerste sei zudem extrem gesund.

Das hätten bereits die alten Ägypter erkannt. Ihre Göttin Isis galt als Göttin der Natur. Als Erde, welche den Samen empfängt, die Frucht keimen und wachsen lässt. In der Mythologie ist sie es, die die Gerste entdeckte und zur Nutzpflanze machte.

Esther Isaak nennt sich ehrenamtliche Bierpredigerin. Wer ihren Worten lauscht, versinkt im Sessel, sieht Berge mit geerntetem Hopfen vor sich. Es riecht nach frischer Minze, es duftet nach Blumen. Das Plätschern des Bieres im Glas holt einen zurück in die Wirklichkeit. Esther Isaak nimmt für sich in Anspruch, jedes Bier erst selbst zu kosten, bevor sie es anbietet. Das galt 13 Jahre lang in ihrem Hamburger Geschäft, das gilt heute in Wittenberge.

Sie könne jedem Gast sein persönliches Lieblingsbier kredenzen. Esther Isaak weiß, wovon sie spricht. 2011 ließ sie sich zur Bierbotschafterin ausbilden. Mit Diplom-Titel. Zwei Wochen lang nahm sie an Schulungen teil, die Brauereien für ihre Außendienst-Mitarbeiter konzipiert hatten, und „da ging‘s nicht nur ums Schnüffeln.“ Ihr Wissen gibt sie seither gern weiter: Sei es zu Stammtischen der Gerstenengel, einem Frauenbierclub, den sie einst gegründet hatte. Oder bei Familien- und Firmenfeiern. Jetzt im Wittenberger Stadtsalon Safari.

In die Elbestadt verschlug es sie vor knapp zwei Jahren. Ihr Bierland gibt es nicht mehr, die Konkurrenz war zu groß. Seitdem Craft Biere in Supermärkte Einzug hielten, konnte sie kaum mit deren günstigen Preisen mithalten. „2018 haben wir gesagt, wir können noch entspannt schließen“, erzählt sie. Sie verkauften ihre Eigentumswohnung und klappten die Deutschlandkarte vor sich auf. Wohin gehen wir?

Die erste Idee war Deutschlands Mitte. Gera in Thüringen. Aber Gera war dann doch zu weit von ihrer Landidylle entfernt. Seit mehreren Jahren gehört ihnen eine kleine Datsche bei Lenzen. Die möchten sie nicht missen. Also Wittenberge. „Eine coole Stadt“, sagt sie.

Wittenberge und cool. Passt das wirklich? Ja, lacht sie. Alles sei fußläufig erreichbar, die Infrastruktur gut, die Architektur nett anzusehen. Die nahe Elbe ist ein Stückchen Hamburger Heimat. Hier habe sie sogar noch sauberes Wasser. Es gibt eine Chocolaterie und eine Kaffeerösterei – keine Selbstverständlichkeit in einer Stadt dieser Größe. Das coolste sei der Bahnhof, sagt Esther Isaak. Er biete die Möglichkeit, spontan entfliehen zu können. Ihre Wohnung liegt in Sichtweite. Jeden Tag begrüßt sie ihn: „Guten Morgen Bahnhof.“

Ein Geschäft mit Craft Beer sei ein Traum, aber mehr nicht. Dafür habe die Stadt dann doch zu wenige Einwohner. Außerdem werde sie ja auch nicht jünger und die Bierkisten nicht leichter. Dann lieber eine Verkostung im Stadtsalon.

Zu Sonnabend haben sich bereits 15 Personen angemeldet. Diese will sie mit Craft Bier aus Hawaii verwöhnen sowie sieben weiteren Sorten. „Ich finde, Bier bringt zusammen“, sagt Esther Isaak. Das ist ihre Mission, und die ist ihr geglückt.

Mit einem Plopp öffnet sie die nächste Flasche. Fruchtig, karamellig, alkoholfrei. „So’n Bier mit ’ner Salamipizza ist ein Gedicht“, schwärmt die Bierpredigerin.

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