Serie zum Mauerfall : Der ewige VeritaSianer

Mitternachtsparty und Miss-Veritas-Wahl – der vielleicht beste Jugendklub in der DDR.
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Mitternachtsparty und Miss-Veritas-Wahl – der vielleicht beste Jugendklub in der DDR.

Lothar Wuttke hat den legendären Jugendclub im Veritaswerk gegründet und nach der Wende heimlich bei Pfaff spioniert.

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01. November 2019, 22:00 Uhr

Wenn einer heute sagt, „im ersten Leben ging‘s mir besser“, dann weiß man erstens wohl, was der meint. Und zweitens muss der ganz schön selbstbewusst sein. Ist er auch, war er schon immer, so kennt man ihn: Lothar Wuttke: Nähmaschinenwerker von Geburt an bis heute – könnte man meinen. Mitreden wollte er schon immer, darum wurde der Industriearbeiter aus der Industrieabteilung Mitglied der SED, Volkskorrespondent, Redaktionsmitglied der Betriebszeitung „Werk und Welt“.

Aus seinem Studienwunsch Journalistik wurde allerdings nichts, „zuviel Westverwandtschaft“ hieß es. Eine Delegierung zum Kulturstudium nach Erfurt klappte dann, er kam 1982 mit Auszeichnung zurück ins Nähmaschinenwerk und wurde stellvertretender Klubhausleiter – und bekam den Parteiauftrag, einen Jugendklub zu gründen. „Na klar, aber dann so, wie ich es mir vorstelle. Den Jugendklub habe ich dann gleich der FDJ unterstellt, so dass man mir von der Betriebsleitung nicht viel reinreden konnten.“ Und dann legte Wuttke los und stellte neue Maßstäbe auf für einen Jugendklub in den 80er Jahren.

Mitternachtsparty von 21 bis 2 Uhr, (Moped-)Rallye, Miss Veritas- und Miss Wittenberge-Wahl, das Parkfest, das größte Volksfest in der Prignitz – Veranstaltungen, mit denen der Jugendklub Veritas genau den Geschmack der Jugendlichen traf und mit der höchsten Auszeichnung für die Qualität von Jugendtanzveranstaltungen, dem Blauen und den Goldenen T bedacht wurde. Für die Jugendlichen der Stadt war LoWu (entstanden aus dem Kürzel als Volkskorrespondent) der Garant für spannende moderne Jugendveranstaltungen. „Ich kann behaupten, wir hatten den erfolgreichsten und innovativsten Jugendklub in der DDR“, sagt Wuttke im Rückblick.


Vom Begrüßungsgeld zu Pfaff

All das allerdings rettete die strauchelnde DDR und mit ihr das modernste Nähmaschinenwerk der Welt nicht. Die 89er Demonstrationen erfassten auch die Provinz. „Ich war entsetzt, wer da alles auf die Straße gegangen ist“, sagt Wuttke zum Thema Wende. „Wir hätten es wissen können, was über uns kommen wird.“

Den ersten Besuch im Westen machte er erst Ende November. Das Begrüßungsgeld investierte er für eine Fahrkarte nach Kaiserslautern und schummelte sich in die Pfaffwerke hinein, um zu sehen, wie der modernste Nähmaschinenproduzent im Westen arbeitet. „Das einzige, was besser war, waren die Computer von IBM. Ansonsten waren unsere Anlagen moderner“, schätzte er, die Aussichten seines Betriebes abwägend.

Das Nähmaschinenwerk suchte seine Chance, entledigte sich der sozialen, kulturellen, sportlichen „Anhängsel“, das Nähmaschinenklubhaus wurde 1990 der Stadt übergeben und Klubhausleiter Wuttke wurde Disponent in der Versandabteilung, wo er die Abwärtsbewegung hautnah miterlebte. „Das war ein Knick in meinem Leben. Da bist du auf einmal im selben Betrieb ein Hanswurst, weil nichts mehr für die Kultur und die Jugend übrig ist. Und da hör ich Wessis, die sagen: ,Bei euch hat ja der Staat immer alles geregelt.‘ Ja natürlich, wofür ist er denn sonst da?“

Die Nähmaschinenwerker investierten noch einmal alles. Kraft und Zeit mehr als in anstrengendsten Wettbewerbszeiten. Doch vergebens. Es sollte ja auch nicht sein – einen echten Konkurrenten am umkämpften Markt, das konnte man nicht zulassen. Am 30. Januar 1992 erfolgte die Liquidation, das Nähmaschinenwerk hatte unter sozialistischen Bedingungen 7.650.877 Nähmaschinen produziert.


Jugendklub wird erwachsen

Die Heimat des Jugendklubs VERITAS, das Klubhaus, überstand nur noch knapp drei Jahre mit privaten Disco-Versuchen, aber die jungen Leute hatten anderes im Sinn, flogen aus in die weite Welt oder waren schon auf der Suche nach Arbeit. Als das Klubhaus aus ungeklärten Gründen abbrannte, vermissten es lediglich diejenigen, die Klub und ihr Leben im Nähmaschinenwerk nicht aufgeben und das letzte Wort haben wollten.
„Mit ein paar Leuten aus dem Jugendklub haben wir im einstigen Ferienobjekt des Betriebes in Krakow am See das Wort Jugend aus dem Klubnamen gestrichen und den Veritasklub gegründet, um die Tradition und die Wahrheit über das Nähmaschinenwerk in Wittenberge hochzuhalten.“ Sie beschäftigten sich eingehend mit der Geschichte, sammelten alles, was aus ihrem Werk aufzutreiben war: Nähmaschinen, Urkunden, Ausweise, Dokumente, riefen die Nähmaschinenwerker auf, den Fundus zu vergrößern.

Parallel dazu knüpfte Wuttke Verbindungen zu dem Singer-Präsidenten und den Singer-Nachfahren in den USA. Es häufte sich so viel Material an, dass gesichtet und geordnet werden musste. Wuttke verfasste in den Jahren zehn Bücher über das Nähmaschinenwerk, über Singer, über die Liquidation, über Kollektive und Erzeugnisse und über die Veritasianer, wie er sie nennt. Über 1300 einzelne Nähmaschinenwerker in Wort und Bild sind in dem Band versammelt. Für die Herstellung der Bücher gewann er Buchpaten: Von Singer-Nachfahren und Karl Lagerfeld über Reinhold Messner bis zu aktuellen Nähmaschinen-Fabriken und -Ingenieuren. Wuttke hat die Odyssee des Markennamens Veritas für Nähmaschinen verfolgt und arbeitet mittlerweile als PR-Manager für den Schweizer Veritas-Produzenten Bernina in Steckborn.
Lothar Wuttke war 1993 mit seiner Frau nach Berlin gegangen und hatte Anstellung beim Senat gefunden. Dort war er für die online Vernetzung von Schulen zuständig und gewann Interessenten, die als Pilotprojekt die Internetseite naehmaschinenwerk.de unter Hoheit des Veritasklubs gestalteten. Drei Jugendliche haben Spaß an dem Projekt gefunden und sind weiter dabei. Die Seite bietet neben Geschichte rund um das Werk auch Bedienanleitungen für die Modelle, Reparaturtipps und in einem Forum einen reichen Veritas-Erfahrungsaustausch.

In Wittenberge gibt es noch eine Handvoll Klubmitglieder und viel mehr Freunde, im Freundeskreis, im Museum in der Verwaltung, bei der Presse. „Es ist immer ein Nachhausekommen, wenn ich in Wittenberge bin.“ Und es gibt genügend Gründe, so wie die Eröffnung des Hotels „Haus Singer“, zu dem er den Ehrengast Frau Louisa Winn Hutton, Ur-Ur-Enkelin von Isaac Merritt Singer, dem Firmengründer, vermittelte.

Lothar Wuttke weiß um die Bedeutung des Nähmaschinenwerkes für Wittenberge. „Generationen von Wittenbergern, das Leben ganzer Familien sind mit den Nähmaschinen verbunden – ein Produkt, auf das man stolz sein konnte. Wir müssen uns mit den über sieben Millionen Nähmaschinen, die unter sozialistischen Bedingungen weiterentwickelt und hergestellt worden sind, nicht verstecken. Wenn man uns noch heute immer einreden will, dass im Westen alles besser war, dann sagt mir das, dass sie noch Angst vor der DDR haben, obwohl sie gar nicht mehr existiert.“

Im nächsten Teil lesen Sie:
Bärbel und Wilfried Treutler – zwei, die sich ständig einmischen

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