Summer of Pioneers : Ein Journalist recherchiert in Wittenberge, jetzt will er bleiben

Zum Gespräch über seine Ideen für die Stadt trinkt Julian Vetten einen Milchkaffee.

Zum Gespräch über seine Ideen für die Stadt trinkt Julian Vetten einen Milchkaffee.

Journalist Julian Vetten kam für eine Recherche in die Elbstadt. Nun lebt und arbeitet er hier im Coworking Space. Katharina Golze traf ihn für ein Gespräch.

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19. Februar 2020, 21:00 Uhr

Mehrere Tage recherchierte Journalist Julian Vetten in Wittenberge für eine Reportage für n-tv. Seit Mitte Januar lebt er selbst in der Elbstadt - als einer der Neuen bei Summer of Pioneers". Als freier Journalist kann er von überall schreiben. Zuvor lebte er in Hamburg und Berlin. Das Landleben kennt er aus seiner Kindheit in Oberfranken. Nach dieser Ruhe sehnt er sich zurück und plant daher länger als sechs Monate zu bleiben. Bei einem Milchkaffee im Cafe Muckefuck erzählte er von seiner Recherche und was ihn an Wittenberge reizt Volontärin Katharina Golze.

Wie kamen Sie darauf, über Wittenberge zu schreiben?

Vetten: Ich war letztes Jahr für die Wahlberichterstattung zur Landtagswahl in Sonneberg. Einer der Akteure, mit denen ich sprechen wollte, war Lutz Lange. Zufällig war er nicht in Sonneberg, aber ich pendle eh zwischen Hamburg und Berlin mit dem Eurocity und der hält in Wittenberge. Ich dachte: Ach, dann mache das Interview da. Das war ein Bauchgefühl, denn eigentlich war die Geschichte schon rund. Ich bin ausgestiegen, vom Bahnhof zur Ölmühle gelaufen, habe mich ein bisschen verlaufen. So bin ich durch die Stadt gekommen und habe gesehen, wie unterschiedlich sie strukturiert ist. Wie eine winzige Version von Berlin. Du hast die alte Industrie, Gründerzeitviertel, alles verdichtet. Da hatte ich die Idee von der Wittenberge-Reportage.

Wie haben Sie recherchiert?

Ich war dreimal hier. Das hat mir die Gelegenheit gegeben, die Stadt in verschiedenen Zuständen zu sehen. Ich habe erst mit dem Bürgermeister geredet, dann mit den Leuten vom Coworking Space. Und ich bin noch einmal als Tourist in die Stadt gekommen. Das ist mir wichtig, weil man als Journalist bei der Recherche immer eine Brille auf hat. Gesprochen habe ich mit verschiedensten Akteuren. Die sind nicht alle in der Geschichte aufgetaucht.

Und so kam die Idee, selbst ein Coworker zu werden?

Die Recherche hat am Ende dazu geführt zu sagen: Mensch das ist doch was. Auf der einen Seite ein Experiment für mich. Ist es wirklich das, was ich will oder ist das nur der Traum des gestressten Großstädters? Auf der anderen Seite eine spannende neue Erfahrung.

Was hat Sie gereizt?

Das ist das richtige Gefühl, weil das, was ich in den letzten Jahren journalistisch gemacht habe, sich hier verdichtet hat: In kleine und mittlere Städte fahren und über die Herausforderungen, Probleme aber auch Chancen zu schreiben. Auch gibt es hier noch so viele Möglichkeiten, was zu tun. Es ist ein Fundament gelegt, wie ich mich in einer Stadt wohlfühlen kann. Gleichzeitig gibt es noch ganz viel Luft nach oben und das Interesse von beiden Seiten, das anzugehen. Dazu kommen private Gründe. Meine Freundin wohnt in Berlin, ich in Hamburg und das liegt perfekt. Ich komme gerade in ein Alter, wo ich mir mehr Ruhe wünsche. In Wittenberge habe ich das gefunden. Genauso das Programm, das mir ermöglicht, ein halbes Jahr günstig zu wohnen und den Coworking Space zu nutzen.

Ich höre raus, dass Sie Ideen für die Stadt haben?

Mein zweites Standbein ist Musik, elektronische Musik, Techno. Dieses Veritaswerk hat mich total angemacht. Ich möchte gern ein Festival veranstalten und das in Zusammenarbeit mit den Menschen, die hier sind. Das Schöne ist, dass hier alles auf dem kleinen Dienstweg funktioniert. Das macht die Stadt auch sehr offen für Neuankömmlinge.


Nach einem Monat: Wie haben Sie sich eingelebt?

Ich habe mich gut eingelebt. Mein aktuelles Projekt ist, mit meiner Freundin eine Wohnung zu finden. Was wir langfristig suchen, ist eine Art Hof, ganz stadtnah. Aber jetzt eine Vier-, Fünfzimmerwohnung. Uns hat‘s umgehauen, was hier preislich noch geht. Ansonsten bin ich viel mit dem Fahrrad und zu Fuß unterwegs. So lerne ich Städte kennen und mache Erfahrungen, sei es die Bäckerin oder der Metzger.

Er erkundet die Stadt auf dem Sattel: Für das Wittenberger Kopfsteinpflaster kaufte sich Julian Vetten ein neues Rad.
Katharina Golze

Er erkundet die Stadt auf dem Sattel: Für das Wittenberger Kopfsteinpflaster kaufte sich Julian Vetten ein neues Rad.

Und beruflich?

Ich hatte bisher viele Termine außerhalb. Auf der anderen Seite habe ich mir Termine in Wittenberge gesucht. Ich würde das journalistisch gern weiter begleiten. Wahrscheinlich wird es ein wöchentlicher Podcast. Es soll um das Beste aus beiden Welten gehen.

Zuvor haben Sie auch schon in Lenzen recherchiert.

Das war im letzten Sommer. Ich hatte vier Regionen in Brandenburg für eine Wahlreportage ausgesucht. Bin hingefahren und dachte so: Wow, irgendwas finde ich spannend hier. Und irgendwie komme ich nochmal vorbei. Und dann kam ich ja wirklich zufällig nach Wittenberge. Hier habe ich das Gefühl, dass es für mich eine gute Basis werden könnte.

Vielen Dank für das Gespräch!



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