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Shorttrack Für das Jahr 2019 ist die Kuh erst mal vom Eis

Von Peter Richter | 28.05.2019, 20:40 Uhr

Zusammenkunft zur Notlage in Rostock: Finanzierung von Stützpunkt-Trainer Arian Nachbar zumindest vorläufig geklärt.

In der (durchaus auch) Wintersport-Stadt Rostock mit langen Traditionen im Eishockey und Eisschnelllauf droht schlimmstenfalls eine olympische Sportart „auszusterben“. Es geht um Shorttrack, die Kurzbahn-Variante des Eisschnelllaufs, und insbesondere um die ungeklärte bzw. nur vorübergehend gesicherte Finanzierung von Trainer Arian Nachbar. Die Hintergründe dazu lesen Sie unten.

Am Dienstag fand in Rostock eine Gesprächsrunde statt, die die akute Notlage zum Inhalt hatte. 13 Funktionsträger nahmen daran teil, darunter Geschäftsführer Torsten Haverland und Referent Leistungssport Alexander Goltz vom Landessportbund, der Leiter des Olympiastützpunktes MV Michael Evers, vom OSP in Rostock dessen Standortleiter Detlef Nuelken und der für den Bereich Laufbahnberatung und Umfeldmanagement zuständige Andreas Kriehn, weiterhin Stützpunktleiter Shorttrack Mario Bäumler, Peter Anders als Vorsitzender des ESV Turbine (bei dem Arian Nachbar seit 1. Januar 2019 beschäftigt ist), Vertreter der Stadt und der Bürgerschaft sowie Andreas Röhl, Geschäftsführer des Stadtsportbundes.

Nicht anwesend war bedauerlicherweise ein Vertreter des Bildungsministeriums MV.

Ergebnis der Zusammenkunft: Nachdem sich der Bund bereit erklärte, die bisherigen 50 Prozent vom Gehalt des Trainers bis zum Jahresende 2019 weiter zu zahlen, springen kurzfristig die Hansestadt Rostock und der Stadtsportbund ein und bekundeten die Absicht, ab 1. 6. bis 31. 12. 2019 aus einem Sonderfonds die andere Hälfte in Höhe von 14 583 Euro zu übernehmen. So ist für den Moment die Kuh vom Eis – wie es ab 1. 1. 2020 weitergeht, bleibt vorerst unklar.

Als nächster Schritt soll ein Treffen mit der DESG stattfinden, um auszuloten, welche Perspektiven es für den Stützpunkt Rostock gibt.

Abkürzung DESG = Deutsche Eisschnelllauf-Gemeinschaft

Es geht um Aufrechterhaltung und nicht Abwicklung

Seit dem 1. Januar 2019 gibt es von den ursprünglich drei Shorttrack-Bundesstützpunkten Dresden, München und Rostock (beide Nachwuchs) nur noch einen – Dresden. Dort sind seit über zehn Jahren auch die Nationalkader „stationiert“. Rostock ist jetzt DESG-Verbandsstützpunkt.

Der damit im Zusammenhang stehende Beschluss der 42. Sportministerkonferenz über die „Neustrukturierung des Leistungssports und der Spitzensportförderung“ enthält eine Bund-Länder-Vereinbarung zur Neuordnung der Finanzierungsbeiträge. Davon betroffen ist auch der bis jetzt zu jeweils 50 Prozent von Bund und Land mischfinanzierte Rostocker Spitzentrainer Arian Nachbar.

Die aktuelle Leistungssport-Struktur im Shorttrack besteht aus Olympia-Kadern (OK), Perspektivkadern (PK) und Nachwuchskadern 1 (NK 1) einerseits, die nach dem „Verursacherprinzip“ vom Bund finanziert werden, sowie NK 2 und Landeskadern (LK).

Nach Auffassung des Rostocker Sports unter Bezugnahme auf die auch von MV unterzeichnete Bund-Länder-Vereinbarung müsse Nachbar ab 1. Juni 2019 zu 100 Prozent vom Land bezahlt werden.

„Die sportliche Ausrichtung und der spitzenverbandliche Auftrag bleibt nach wie vor die Nachwuchs-Ausbildung, also braucht man auch das gleiche Personal. Es geht hier ja nicht um die Abwicklung des Stützpunktes, sondern um seine Aufrechterhaltung. Und das anteilige Geld muss Bestandteil des Haushaltes 2019 gewesen sein“, lautet die Position von Mario Bäumler, Rostocker Stützpunktleiter Shorttrack.

Das Land Mecklenburg-Vorpommern respektive dessen Ministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur in Schwerin interpretiert das Dokument anders, sieht eher den Spitzenverband (also die DESG) und den Landessportbund in der Pflicht. Da Rostock kein Bundesstützpunkt mehr sei, entfalle eine Weiterfinanzierung. Bedeutet also: Künftig nicht mal mehr die 50 Prozent vom Land?!

Noch bis Mitte dieses Monats war vollständig offen, wie und von wem Arian Nachbar ab 1. Juni 2019 bezahlt wird und ob er überhaupt noch Geld erhält. Es geht zwar nicht um Leben und Tod, sondern ‚„nur“ um eine fünfstellige Euro-Summe (für zunächst ein halbes Jahr), aber eben halt auch um einen Menschen und seine Existenzgrundlage. Und damit zugleich um den Fortbestand der Sportart Shorttrack in Rostock: Was, wenn der allein schon durch seine zu Aktiven-Zeiten dreimalige Teilnahme an Olympischen Spielen als Fachmann ausgewiesene Nachbar auf einmal „nicht mehr da“ wäre?!

Inzwischen hatte Britta Dassler, Mitglied des Deutschen Bundestages und Sprecherin für Sportpolitik der FDP, einen Stein ins Rollen gebracht, indem sie direkt den Bundesminister des Innern, Horst Seehofer (CSU), auf die prekäre Situation aufmerksam machte. Am 16. Mai erging die Information, dass der Bund als Nothilfe bis 31. Dezember 2019 seine 50-Prozent-Finanzierung für Arian Nachbar aufrecht erhält.

Hintergrund: Auch MV hat unterschrieben

Die 42. Sportministerkonferenz am 8./9. November 2018 in St. Wendel hat u. a. beschlossen:

• Die Länder stimmen der Förderung des Spitzen- und Nachwuchsleistungssports durch Bund und Länder nach dem Verursacherprinzip zu.

• Die Länder stimmen der vorliegenden „Bund-Länder-Vereinbarung zur Neuordnung der Finanzierungsbeiträge“ zu.

In dieser Vereinbarung heißt es u. a.: „Bund und Länder sind bestrebt, einseitige Lastenverteilungen zu vermeiden und das Prinzip der Gegenseitigkeit zu achten. In diesem Sinne erkennt der Bund seine Verantwortung für die Spitzensportförderung (Kaderathleten OK, PK, NK 1), die Länder ihre Verantwortung für den Nachwuchsleistungssport (Kaderathleten NK 2 und LK) an.“

Unterschrieben ist das (im Internet veröffentlichte, vollständig einsehbare) Dokument für das Land Mecklenburg-Vorpommern von der damaligen Ministerin für Bildung, Wissenschaft und Kultur, Birgit Hesse (SPD). Diese als nunmehrige Präsidentin des Landtags ist allerdings nicht mehr zuständig und ihre Nachfolgerin Bettina Martin (SPD) erst seit 22. Mai im Amt.

Erfolge: Fünf Medaillen beim Europacup

2018/19 verweist der ESV Turbine Rostock unter Trainer Arian Nachbar u. a. auf fünf Medaillen beim Junioren-Europacup-Finale in eigener Halle: Adrian Lüdtke (Men) Silber 1500 m und Gold 1000 m, Svea Rothe 500 m Bronze und 1000 m Silber, Betty Moeske (beide Ladies Junior C) 500 m Silber, dazu Mehrkampf-Pokale für Lüdtke (2.) und Rothe (3.). Für den Zeitraum 2019/20 verfügt der Verein über einen Olympia-Kader (Lüdtke), zwei Nachwuchs-Kader 1 (Moeske, Rothe) und acht Landeskader.