Ein Angebot des medienhaus nord
Ein Artikel der Redaktion NNN

Rostock Ärzte ohne Schweigepflicht

Von Matthias Bannert | 09.03.2009, 10:20 Uhr

Seit diesem Semester müssen Studenten an der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät ein gesondertes Formular bei Krankheit während einer Klausur ausfüllen. Der Student entbindet den Arzt von der Schweigepflicht - und der Mediziner muss dem Prüfungsamt die Symp tome nennen. Bei Ärzten und Studenten stößt diese Regelung auf Unmut.

Rote Zettel an den Pinnwänden der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät weisen auf die neuen Krankschreibungsregelungen hin. Dort heißt es: "Studenten sind auf Grund ihrer Mitwirkungspflicht grundsätzlich dazu verpflichtet, zur Feststellung ihrer Prüfungsunfähigkeit ihre Beschwerden offen zu legen." Erforderlichenfalls sei der behandelnde Arzt von der Schweigepflicht zu entbinden. Das geschieht mittels eines Formulars, das der Arzt bei seiner Untersuchung ausfüllen muss. Auf diesem werden die Symptome aufgelistet, nach denen die Fakultät über die Prüfungsunfähigkeit entscheidet. "Es ist fraglich, ob diese Regelung noch durch die Prüfungsordnung gedeckt ist", sagt Rechtsanwalt Dr. Karl-Heinz Moritz, der auch für die Ärztevereinigung Marburger Bund tätig ist. Dort heißt es nämlich: "Bei Krankheit des Kandidaten kann die Vorlage eines ärztlichen Attestes und in Zweifelsfällen eines amtsärztlichen Attestes verlangt werden." Laut Moritz gebe es damit ein "geregeltes und brauchbares Verfahren". Wenn ein Student zu einer Klausur krank wird, muss er ein ärztliches Attest vorlegen. Bestehen Zweifel, muss ein Amtsarzt herbeigezogen werden. "Es wird der Eindruck erweckt, die neue Regelung ergebe sich aus der Prüfungsordnung", kritisiert der Anwalt, der auf dem Gebiet der Medizin tätig ist. Laut der Erläuterungen auf dem neuen Formular ist es künftig nicht mehr Aufgabe des Arztes, über die Prüfungsunfähigkeit zu entscheiden. "Die Beantwortung der Rechtsfrage, ob die nachgewiesene gesundheitliche Beeinträchtigung den Abbruch der Prüfung oder den Rücktritt von der Prüfung rechtfertigen kann, ist vielmehr letztlich und in eigener Verantwortung von der Prüfungsbehörde zu entscheiden", heißt es.

Eingriff in die Privatsphäre"Diese Kompetenz sollte man dem Arzt schon zutrauen", meint Friederike Hoffmann, Vorsitzende der Studentenvertretung Asta, die sich schon mit der neuen Regelung befasst hat. Der Asta möchte sich dafür einsetzen, dass die Notwendigkeit der neuen Formulare möglichst bald wieder gekippt wird. "Wir hoffen, dass wir im nächsten Semester wieder zur alten Regelung zurückkehren können", sagt Hoffmann.

Zwar wird in den Erläuterungen zum Formular betont, die genaue Diagnose müsse nicht bekannt gegeben werden, doch Anwalt Moritz meint: "Man kann durch die geschilderten Symptome auf die Krankheit schließen." Ärzte und Studenten befürchten einen Eingriff in die Privatsphäre.

Gute Chancen vor GerichtMoritz sieht gute Chancen für eine ablehnende Entscheidung eines Gerichtes - sollte es tatsächlich zu einem Rechtsstreit kommen. "Allerdings ist es nicht einfach, in angemessener Zeit eine gerichtliche Entscheidung herbeizuführen", sagt der Anwalt. Ein Student müsste tatsächlich klagen, damit die Regelung für alle aufgehoben wird.

Derzeit setzt sich auch Rektor Wolfgang Schareck, selbst Mediziner, mit dem Alleingang der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät auseinander: "Man muss versuchen, ein einheitliches Verfahren für die gesamte Universität zu finden."

Die Dekanin der Fakultät, Professor Doris Neuberger, wollte sich zu der neuen Krankschreiberegelung zunächst nicht äußern. Jetzt liegt es am Rektor, eine Entscheidung zu treffen.