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Ein Artikel der Redaktion NNN

Rostock Anruf aus dem Kanzleramt

Von Dana Bethkenhagen | 26.04.2012, 09:24 Uhr

Dass er einmal im Bundeskanzleramt sitzen und Fragen über Deutschlands Zukunft diskutieren würde, das hat sich der Rostocker Professor Frank-Hendrik Wurm nicht vorstellen können.

Das Unvorstellbare wurde jedoch Realität, als er einen Anruf aus dem Bundeskanzleramt bekam und innerhalb weniger Augenblicke zum Berater von Kanzlerin Angela Merkel (CDU) wurde.

Im August vergangenen Jahres klingelte sein Telefon im Uni-Büro und er wurde gefragt, ob er nicht bei einem damals noch vertraulichen Projekt mitmachen wolle, das Merkel plante, um Deutschlands Zukunft zu skizzieren. "Ich kam mir vor wie bei der versteckten Kamera", sagt Wurm. Trotzdem sagte er zu, bekam mehrere E-Mails mit Informationen zu seinen Aufgaben und fuhr wenig später das erste Mal nach Berlin. Merkel habe er bisher noch nicht persönlich getroffen, doch aufregend sei es im Bundeskanzleramt trotzdem. Interessant sei vor allem die inhaltliche Zusammenarbeit mit den anderen Experten, schließlich kämen alle aus verschiedenen Bereichen. "Jeder hat seine eigene Sicht auf die Dinge und ebenso hat jeder seine eigene Wahrheit", so Wurm. Seine Arbeitsgruppe befasst sich mit der Frage, wovon wir in Zukunft leben wollen. Ziel der Expertengruppe ist es darum, zu erkennen, was den Standort Deutschland heute ausmacht und wie er sich in Zukunft profilieren kann. Dabei soll die Gruppe konkrete Handlungsvorschläge für die Politik entwerfen. Während seiner ersten Arbeitsmonate bemerkte Wurm schnell, wie schwierig es ist, konstruktive Vorschläge zu machen. Vor allem, weil es Vorschläge sein müssen, die auch in der Bundeszuständigkeit liegen.

Wurm und seine Kollegen mussten während der ersten Projektmonate schweigen, denn sie waren dazu aufgefordert, das ganze Vorhaben vertraulich zu behandeln. Erst bei ihrer Neujahrsansprache teilte Merkel mit, dass es ein solches Projekt gibt, und forderte auch die Bürger auf, aktiv zu werden und Vorschläge einzureichen. Diese muss nun auch Wurm prüfen und bekommt auch dadurch neue Denkanstöße. "Viele Vorschläge haben wirklich Potenzial", sagt Wurm. 3237 Beiträge von Bürgern gilt es nun zu analysieren. Im August muss Wurms Arbeitsgruppe konkrete Handlungsvorschläge präsentieren - dann wird auch Merkel persönlich vor Ort sein. Wurm verrät schon jetzt: "Zu den angedachten Handlungsfeldern zählen zum Beispiel die Stärkung des Mittelstandes oder die Verbesserung von Verwaltungsprozessen."

Seit Oktober 2010 ist Wurm Leiter des Lehrstuhls für Strömungsmaschinen an der Uni Rostock. Zuvor war er in Dortmund als Manager in einem Konzern tätig und reiste häufig durch die Welt. Dieser Mix aus Erfahrungen im Industriebereich und in der Hochschullandschaft, glaubt Wurm, ist es, der ihn für die Berater-Tätigkeit so interessant gemacht hat.

Deutschland im Jahr 2030:
120 Experten aus Wissenschaft, Wirtschaft, Gesellschaft und Politik zählen derzeit zu den Beratern der Bundeskanzlerin. Sie sollen ihr dabei helfen, die Zukunft Deutschlands zu skizzieren. Merkel sucht Antworten auf Fragen, die das Leben in Deutschland bis 2030 bestimmen. Unter der Überschrift „Menschlich und erfolgreich. Dialog über Deutschlands Zukunft“ stehen drei Kernfragen zur Debatte: Wie wollen wir zusammenleben? Wovon wollen wir leben? Wie wollen wir lernen? Zu jeder Frage haben sich je sechs Arbeitsgruppen gebildet, die aus bis zu 20 Experten bestehen. Im Internet konnten sich auch Bürger zwischen dem 1. Februar und dem 15. April an der Skizzierung der Zukunft beteiligen und Vorschläge mit einbringen. Im Juli beenden dann auch die Experten ihre Arbeit. Dann stellen sie einen Abschlussbericht für die Bundeskanzlerin zusammen, der im Sommer auch als Buch herauskommen soll.