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Wie sicher sind die Bäder? Chlorunfall: "Vorschriften sind zu vage"

Von Uwe Reißenweber | 30.05.2012, 08:58 Uhr

13 Verletzte im Spaßbad Güstrow: Zur Ursache des Chlorunfalls konnte gestern noch nichts gesagt werden. Experten kritisieren laxe Vorgaben in Deutschland. Doch das Landesamt sieht keinen Grund zur Aufregung.

Nach dem Chlorgasunfall im Spaßbad Güstrow sind die 13 Verletzten - darunter zehn Kinder - mittlerweile alle wieder aus der Klinik entlassen worden, sagte gestern "Oasen"-Sprecherin Juliane Fuchs auf Nachfrage. Zur Ursache konnte sie gestern noch nichts mitteilen: "Wir haben Experten vor Ort, die alle Möglichkeiten überprüfen. Wir wollen hundertprozentige Sicherheit haben, weil wir unseren Gästen Sicherheit bieten wollen. Ansonsten bliebe auch bei uns ein ungutes Gefühl." Wann das Bad wieder öffnet, stand deshalb gestern ebenso noch nicht fest, die geplanten Veranstaltungen zum Kindertag am kommenden Wochenende aber seien abgesagt. Mindestens bis zum 3. Juni aber sei die Anlage geschlossen. Laut Fuchs kam es am Samstag zum ersten Mal zu einem solchen Unfall in Güstrow.

Nur einen Tag später wurden in einem Spaßbad im schleswig-holsteinschen Kropp nach einem ähnlichen Unfall sieben Menschen verletzt, 1000 wurden evakuiert. Seit 2008 gab es in Deutschland mindestens sechs Chlorgasunfälle in Bädern und zwei in Krankenhäusern, einer davon in Schwerin.

"Über das Problem gibt es seit Jahren Diskussionen", so die Neubrandenburger Umweltmedizinerin Karin Böhm: "Die Dosierungsempfehlungen sind zu vage." Chlorgas könne grundsätzlich gesundheitliche Schäden verursachen, rund drei bis fünf Prozent aller Menschen seien besonders gefährdet. Auch Kinder hätten eine höhere Empfindlichkeit, schon allein, weil sie öfter Probleme mit den Atemwegen hätten. Eine sicherere Alternative gäbe es aber nicht. Die Umweltmedizinerin verwies aber auf das Beispiel der Schweiz, wo es deutlich strengere Normen gäbe.

In Deutschland muss die Konzentration an freiem Chlor zwischen 0,3 und 0,6 mg/l liegen, erläutert Michael Jähnig, Vorsitzender des Landesverbandes Deutscher Schwimmeister. In den USA liege sie sogar bei 1,0. In Mecklenburg-Vorpommern habe es in den vergangenen Jahren lediglich einen solchen Unfall in Bädern gegeben, deutschlandweit seien es etwa vier im Jahr. Im Grunde genommen sei Chlorgas nicht gefährlich, es komme auf Handhabung und Material der Anlage an.

Das bestätigt ebenso der gebürtige Anklamer Ralf Wegener, der eine der größten Schwimmhallen - die Elbe-Schwimmhalle in Magdeburg - leitet. Die 50-Meter-Bahn, der Zehnmeterturm und das Einschwimmbecken locken zahlreiche Spitzensportler zum Training. Mit Blick auf die von ihnen errungenen Olympiamedaillen ist sie eine der erfolgreichsten Hallen in Deutschland. Unter anderem trainierten dort Antje Buschschulte, Dagmar Hase und Astrid Strauß. Chlorgasanlagen könnten preiswerter sein als andere Verfahren, meinte Wegener. Man könne aber auch auf Chlortabletten oder Bleichlaugen setzen. Oder über eine Elektrolyseanlage selbst Chlor produzieren - wie in Magdeburg. "Das ist wie beim frischen Gemüse - dort sind auch weniger Schadstoffe drin", erklärt der Experte. Nötig sei der Cloreinsatz aber - zur Desinfektion, zur Abtötung von Keimen. "Weil das im Mittelalter in den Bädern nicht gemacht wurde, sind beispielsweise viele Menschen an Syphilis erkrankt", weiß Wegener. Gründe für Unfälle mit Clorgasanlagen seien fast immer Fehler beim Bedienen, Materialschäden oder mangelnde Wartung.

In der Müritz-Therme Röbel wird indes Bleichlauge verwandt, genau wie in den Schwimmhallen in der Landeshauptstadt Schwerin. Der Vorfall in Güstrow habe sich nicht auf die Besucherzahlen in Röbel ausgewirkt, sagte gestern eine Mitarbeiterin. Gäste aus Güstrow hätten ihnen von dem Unfall erzählt: "Aber sonst war nichts." An einen Chlorgasalarm in Schwerin kann sich der dortige Schwimmhallen-Betriebsleiter Stefan Kuß noch vage erinnern - "das ist aber bestimmt schon zehn Jahre her. Bleichlauge setze man schon immer ein - das Gefahrenpotenzial gegenüber Chlorgas sei aber eher gleich, meint er.

Das Landesamt für Gesundheit und Soziales (Lagus) sieht keinen Grund zur Panik: "Der Stand der Technik ist so ausgereift, dass die Systeme bei ordnungsgemäßem Umgang sehr sicher funktionieren. Zum ordnungsgemäßen Umgang gehört nicht nur das sachgemäße Betreiben, sondern auch die Wartung und Pflege. Ein Defekt an der Technik kann trotzdem nie zu 100 Prozent ausgeschlossen werden", sagt Sprecherin Anja Neutzling. Vorkommnisse bei der Chlorung von Wasser in Schwimmbädern seien sehr selten. Die letzte größere Havarie habe es in MV - abgesehen von Güstrow - vor mehr als fünf Jahren gegeben.

Wie wirkt Chlor?

Chlor (Cl) ist unter normalen Bedingungen ein grüngelbes Gas mit einem stechendem Geruch. Es ist ein starkes Lungengift und bewirkt – je nach Konzentration – Entzündungen und Verätzungen in den Atemwegen, Krampfhusten, Lungenentzündung und Lungenbluten bis zu tödlichen Vergiftungen. Chlorid-Ionen sind andererseits lebensnotwendig, etwa für den Wasserhaushalt des Körpers. Sie werden beispielsweise über Kochsalz (Natriumchlorid) aufgenommen.

Chlor ist eines der wichtigsten Grundprodukte der chemischen Industrie. Die Substanz wird unter anderem zur Herstellung von Lösemitteln, Kunststoffen, Fluorchlorkohlenwasserstoffen und Bleichmitteln verwendet. Einige Chlorverbindungen setzen bei Kontakt mit Wasser gasförmiges Chlor frei, dessen stark desinfizierende Wirkung bei der Entkeimung von Trinkwasser und des Wassers in Badeanstalten sowie in Sanitärreinigern genutzt wird.