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Jubiläum „Wunder von Bochum“ Als Dr. Merk den Puls von Andreas Zachhuber fühlte

Von Peter Richter | 23.05.2019, 17:08 Uhr

Das wohl emotionalste Spiel in der Geschichte des FC Hansa Rostock wird nach 20 Jahren am Sonntag „wiederholt“.

Auch für Andreas Zachhuber gibt es Daten im Leben von ganz besonderer Bedeutung: Hochzeitstag, Geburt des Sohnes… Vielleicht rechnet er den 10. Oktober 1979 mit dazu. Da bestritt der damals 17-Jährige in der DDR-Liga sein erstes Punktspiel für die erste Männer-Mannschaft des FC Hansa. Sein 37. Geburtstag hingegen würde da eher keine Rolle spielen – hätte nicht ausgerechnet an diesem 29. Mai 1999 das „Wunder von Bochum“ stattgefunden: als der FC Hansa unter Cheftrainer Zachhuber das bei seinem Amtsantritt fast unmöglich Erscheinende vollendete, nach 1:2-Rückstand beim VfL in weniger als zehn Minuten die beiden zur Rettung nötigen Treffer erzielte und so doch noch den Abstieg aus der 1. Fußball-Bundesliga abwenden konnte.

„Ich habe damals kurz nach Mitternacht im Hotel auf dem Zimmer mit Juri (Schlünz, seinerzeit Co-Trainer – d. Red.) mit einem Glas Bier angestoßen, aber viel wichtiger war ja das Spiel am nächsten Nachmittag. Das war an Spannung und Dramatik nicht mehr zu überbieten und wohl das emotionalste Spiel in der Geschichte von Hansa Rostock. Was sich da auch in den Gärten und auf den Straßen von Mecklenburg-Vorpommern abgespielt hat, muss unglaublich gewesen sein. Es soll sogar ein A-Jugend-Spiel unterbrochen worden sein. Da sind wohl alle erst mal zum Radio hin, und mit dem Abpfiff bei uns wurde dann die Partie fortgesetzt“, ist der mittlerweile fast 57-Jährige noch immer ergriffen.

Am Sonntag ab 15.30 Uhr wird die legendäre Begegnung im Ostseestadion „nachgespielt“, und Andreas Zachhuber freut sich riesig darauf. „,Mit festem Willen‘, das war immer unser Spruch, das haben wir damals ständig wiederholt, das hat sich eingeprägt. Wir treffen uns ja schon am Sonnabend mit den Frauen oben im Stadion, mit Essen und einem kleinen Getränk. Es wird spannend zu sehen und zu hören, was die Spieler auch jobmäßig alle heute so machen. Das waren einfach tolle Typen, die ganze Truppe. Sonst hätten wir das gar nicht geschafft.“

Was dürfte da alles an Erinnerungen für Gesprächsstoff sorgen…

Der zornige Slawomir Majak, später Schütze des alles entscheidenden Tores, wird mit Sicherheit eine Rolle spielen: „Am 28. Spieltag beim unglücklichen 2:2 bei Eintracht Frankfurt brachte ich ihn zur zweiten Halbzeit rein, nahm ihn dann in der 84. Minute wieder raus und wechselte mit Jens Dowe einen Spieler ein, der bei 2:1-Führung die Bälle halten sollte. Da war Slawomir als polnischer Nationalspieler sehr böse. Er trat eines der da rumstehenden Verkehrshütchen in meine Richtung und brachte so seinen Unmut zum Ausdruck. Er hat sich aber später entschuldigt und es uns zurückgezahlt, dass wir an ihm festgehalten haben. So erzielte er, ebenfalls eingewechselt, am 31. Spieltag beim 3:0 gegen den VfB Stuttgart zwei Treffer.“

Oder wer wird je die Heldenhaftigkeit des Torschützen zum 1:0 Oliver Neuville vergessen, der in seinem letzten Spiel für den FC Hansa, bevor er zu Bayer Leverkusen wechselte, trotz klaffender Wunde den Platz zu verlassen sich weigerte. „Doc Bartel hatte schon die Auswechslung signalisiert, aber Olli sagte, ich gehe nicht raus, ich steige hier nicht ab. Sein Ohr war komplett in der Mitte getrennt und hat wahnsinnig geblutet. Der Doc hat das dann dick verbunden und in der Halbzeit genäht.“

Er hoffe, so „Zacher“, dass „mindestens 7000 bis 8000 am Sonntag ins Stadion kommen“, und setzt vor allem auf jene, die sich seinerzeit unter den annähernd 10 000 Hansa-Fans im Ruhrstadion befanden, zudem auf „viele, die sich an die schönen Erstliga-Zeiten erinnern oder einfach die alten Haudegen wiedersehen wollen. Ich bin froh über jeden Einzelnen, der den Weg zu uns findet.“

Auf einen der Protagonisten vom 29. Mai 1999 freut sich Andreas Zachhuber allerdings ganz besonders: „Schiedsrichter Dr. Markus Merk hat seine Teilnahme zugesagt. Ich weiß noch, wie er seinerzeit vor dem Spiel zu mir zur Trainerbank kam und mich begrüßte. Er nahm mein Handgelenk, fühlte den Puls und sagte: Mensch, geht ja noch, alles noch im grünen Bereich.“

Auch Arvidsson, Gledson und Pannewitz spielen mit

Dies war das Aufgebot des FC Hansa am 29. Mai 1999: Pieckenhagen – Rehmer, Weilandt, Ehlers (67. Holetschek) – Lange (78. Ramdane), Wibrån, Yasser, Emara (78. Majak) – Breitkreutz – Agali, Neuville.

Außerdem auf der Bank: Fuchs, Gansauge, Zallmann, Bräutigam

Die meisten von ihnen, darunter die von weither kommenden Yasser, Mohamed Emara (Ägypten) und Victor Agali (Nigeria) sowie der in Chicago lebende Thomas Gansauge, haben für morgen zugesagt. Es fehlen größtenteils beruflich bedingt Marko Rehmer, Abder Ramdane, Matthias Breitkreutz sowie Henri Fuchs (Sohn hat Jugendweihe).

Hinzu kommen diese (Gast-) Spieler: Magnus Arvidsson, Djordjije Cetkovic, Jens Dowe, Ralf Ewen, Gledson, Martin Groth, Enrico Kern, Daniel Klewer, Björn Laars, Dexter Langen (noch immer aktiv, spielt für Kreisligist FC Nebelküste), Kevin Pannewitz, Marcel von Walsleben-Schied, Zafer Yelen

Aus dem damaligen VfL-Kader sind am Sonntag dabei: Torhüter Thomas Ernst, Samir Toplak, Maurizio Gaudino, Delron Buckley (reist eigens aus Südafrika an), Sebastian Schindzielorz, Peter Peschel, Kai Michalke und Mehdi Mahdavikia.

Betreut wird das Team in Vertretung des erkrankten Trainers Klaus Toppmöller von Torwart-Legende Ralf „Katze“ Zumdick.

Gastspieler: Marcel Maltritz, Dariusz Wosz

Der FC Hansa hofft laut Oliver Schubert (Eventmanagement & PR) „auf 5000 bis 6000 Zuschauer“. Karten ab 9,99 Euro gibt es an den Tageskassen.

Torschützen am letzten Spieltag 1998/99 im Bochumer Ruhrstadion: 0:1 Neuville (37.), 1:1 Kuntz (70.), 2:1 Peschel (73.), 2:2 Agali (77.), 2:3 Majak (82.)