Ein Angebot des medienhaus nord
Ein Artikel der Redaktion NNN

Lebensgeschichte Der letzte Seemann der Ohlerichs

Von TOHI | 28.07.2018, 16:00 Uhr

Hans-Dieter Neetz stammt aus der berühmten Rostocker Familie und hat mindestens so viel zu erzählen, wie sein Stammbaum lang ist

Den letzten Seemann aus der Familie Ohlerich haut so leicht nichts um: Hans-Dieter Neetz hat immer einen flotten Spruch auf den Lippen, wenn er in Warnemünde die Fährgäste der Weißen Flotte begrüßt. Dass er schon 79 Jahre alt ist, wollen die meisten dann nicht glauben. „Das ist das Erbe der Ohlerichs – die sehen alle zehn Jahre jünger aus“, sagt er. Diese Gene bekam er von seiner Mutter Elfriede mit, einer waschechten Tochter der berühmten Rostocker Familie.


Im Jahr 1630 nach WarnemündeRostocker waren seine Vorfahren aber nicht immer, weiß Hans-Dieter. Die Ursprünge liegen in der Gegend um Göteborg in Schweden, erst 1630 zogen die ersten Ohlerichs über die Ostsee nach Warnemünde. „Unsere Familienchronik liegt im Heimatmuseum – wer kann das schon von sich sagen“, so Neetz. Selbst tiefer nachgeforscht habe er nie. „Wahrscheinlich sind das in Schweden noch mal 1000 Jahre“, sagt er. Zu berichten gibt es aus der Familiengeschichte aber auch so genug. Ob nun von Friedrich Ohlerich, der 1878 die Brauerei Mahn und Ohlerich mitbegründete und ein Initiator des Rostocker Yachtclubs war. Oder von Daniel Ohlerich, der mit der „Phönix“ das erste Dampfschiff Warnemündes besaß und zudem ein guter Freund Stephan Jantzens war. „Bis in die 90er lag er auch neben ihm begraben“, so Neetz.

Seine eigene früheste Erinnerung stammt von 1941, seinem zweiten Lebensjahr. Die Familie war gerade aus Lübbecke in Westfalen, wo sein Vater Karlheinz als Musiker eine Werkskapelle geleitet hatte, zurück nach Rostock gezogen. Das Bild, das sich ihm eingeprägt hat, so Neetz: „Mein Großvater hat mich an der Hand und wir gehen in den Bunker – mit zwei Jahren habe ich die ersten Bomben auf den Kopf bekommen.“ Rostock wurde als Heimstatt der Heinkel-Werke immer wieder zum Ziel alliierter Flieger.

Das Kriegsende verbrachte die evakuierte Familie in Bad Sülze. „Ich habe gesehen, wie die Russen verwundete Soldaten erschossen haben – als Sechsjähriger.“ Einordnen konnte Neetz das damals nicht. Stattdessen wollte er sogar Handgranaten auf die Sowjetsoldaten werfen, die er im Gebüsch gefunden hatte. Nur weil er nicht wusste, das er erst den Stift ziehen musste, blieb der Sechsjährige am Leben. „Wir waren alle noch Nazis“, sagt er heute. Und das sei auch nach dem Krieg so geblieben, als er erst die St.-Georg-Schule und dann die Große Stadtschule besuchte. „Als einer ,Guten Tag, Genossen‘ zu uns gesagt hat, haben wir ihn verdroschen“, so Neetz. Damals war er zehn.


„Ganzer Scheiß mit dem Rassismus ist Quatsch“Heute denkt er ganz anders über diese Dinge. Das verdankt er auch seiner Lebenskarriere: Nach dem Marine-Wehrdienst wechselte er mit 23 Jahren zur Deutschen Seereederei (DSR). „Ich wollte die Welt sehen“ – und das tat er dann auch. 54 Länder steuerte Neetz an Bord der DSR-Schiffe an. „Mein schönstes war 1962 die Südafrikanische Union.“ Aber auch dem kanadischen St.-Lorenz-Strom verfiel er, als er ihn in einem Herbst hochfuhr. „So was Schönes habe ich nie wieder gesehen.“ Nicht in Indien, Finnland, auf Gran Canaria und auch nicht in den exotischen Ländern Afrikas. Durch das Reisen habe er festgestellt, „dass der ganze Scheiß mit dem Rassismus Quatsch ist – ich würde manchem Rechtsradikalen empfehlen, sich die Welt anzuschauen“.

In Port Sudan spielte seine Crew Fußball gegen ein westdeutsches Schiff. Seine Mannschaft gewann 1:0, so der Linksaußen stolz. Ein anderes Mal spielten sie in Afrika gegen ein einheimisches schwarzes Team. „Meine Taktik war immer, den Ball nach vorne schießen und dann hinterher laufen – da kam kein anderer mit.“ Die 100 Meter habe er in 11,3 Sekunden zurückgelegt, ein Lungenvolumen von acht Litern gehabt. Aussichten auf eine Sportkarriere gab es für Neetz dennoch nicht. Dazu habe ihm die Systemtreue gefehlt. „Ich bin immer mein eigener Mensch geblieben in der DDR-Zeit – das ist viel mehr wert“, sagt er.

Das führte 1971 allerdings auch zu seinem Berufsverbot bei der DSR. Bei einem Umtrunk in Antwerpen lobte der Politoffizier die Russen, die den Westdeutschen doch allemal vorzuziehen seien. „Ich bin sehr nationalbewusst – da habe ich gesagt, ,Wenn’s um mein Deutschland geht, dann scheiß ich auf die DDR‘“, so der überzeugte SPD-Wähler. Dafür wurde er zum Parteisekretär zitiert, musste sein Seefahrtbuch abgeben und verlor Jahresendprämie sowie Job. Von einem Augenblick auf den anderen. Doch Neetz hat einen Grundsatz: „Du darfst dich nie selber aufgeben!“

So baute er in den Automobilwerken Ludwigsfelde in Brandenburg zusammen mit deutschen Kollegen und Gastarbeitern aus Vietnam, Angola, Ungarn oder Algerien Lkw IFA W50 und Lkw L60. „Das ist gut, so ein Völkergemisch“, sagt Neetz. „Wir hatten einen Mosambikaner, der war besser als 90 Prozent der deutschen Arbeiter.“ Das zeige erneut, wie falsch viele Vorurteile seien.

1988 kehrte die Familie zurück nach Rostock. Neetz begann als Maschinist bei der Weißen Flotte, bis er 1994 wegrationalisiert und seine Mutter pflegebedürftig wurde. „Da habe ich gesagt, ich scheiß auf das Geld und pflege meine Mutter.“ Ganz losgelassen hat ihn die See aber nie. Und so kassiert der letzte Seemann der Ohlerichs eben in seiner kleinen Hütte den Fahrpreis für die Fährüberfahrt, immer gut gelaunt und immer mit einem flotten Spruch auf den Lippen.