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Rostock Der maritime Puls

Von Redaktion svz.de | 29.07.2018, 05:00 Uhr

800-jähriges Rostock erlebt als Mecklenburg-Vorpommerns wirtschaftliches Zentrum ein konjunkturelles Hoch

Zur Hanse Sail 2018 werden sich traditionell auch Wirtschaftsvertreter jeglicher Couleur treffen. Zum „Hanse Sail Business Forum“ etwa und zum Unternehmerevent „Business meets Hanse Sail“. Dann begegnen sie einer boomenden Stadt. Das ökonomische Zentrum Mecklenburg-Vorpommerns erlebt derzeit ein konjunkturelles Hoch, vorrangig in der maritimen Industrie. Insgesamt tragen in Rostock aktuell rund 90 000 sozialversicherungspflichtige Beschäftigte mit einer Wirtschaftsleistung von jährlich über sieben Milliarden Euro fast 17 Prozent zum Bruttoinlandsprodukt des Landes bei, das sich 2017 auf 42 Milliarden Euro belief.

Die 800-jährige Geschichte der Hanse- und Universitätsstadt an der Warnow ist geprägt von wiederholten Phasen wirtschaftlichen Aufschwungs. In den letzten drei Jahrzehnten seit der Wende in der DDR hat sich ein tiefgreifender Strukturwandel weg von volkseigenen Großbetrieben mit zigtausenden Beschäftigten hin zu einem maritimen Cluster hochproduktiver und prosperierender Unternehmen vollzogen. Die Nähe zum Meer hat seit jeher einen entscheidenden Part für den wirtschaftlichen Erfolg und Wohlstand gespielt. In der Blüte der Hansezeit gab es von Rostock aus über die Ostsee einen regen Warenaustausch nach Norden sowie nach Häfen in West- und Osteuropa, florierten innerhalb der Stadtmauern das Handwerk und der Handel. Die Schifffahrt sollte auch Jahrhunderte später das Bild des maritimen Standortes dominieren.

Die traditionsreiche Neptun Werft steht heutzutage symbolisch für die Kernbranche der Rostocker Wirtschaft. Seit rund 200 Jahren bestimmt die maritime Industrie die Geschicke zwischen Stadthafen und Warnemünder Seekanal. Daran hat die lokale und Landespolitik auch vor knapp 30 Jahren festgehalten, als es galt, im Übergang zur Marktwirtschaft die industrielle Basis vor Ort zu erhalten und wettbewerbsfähig zu gestalten.

Mit mehr als zwei Milliarden Euro an staatlicher Hilfe wurden die größten Werften im Land flottgemacht. In der Folge überstanden sie etliche Eigentümerwechsel, behaupten sie sich weiterhin im hart umkämpften internationalen Markt. Mit Neptun, dem Warnemünder Standort von MV Werften und Tamsen Maritim sind drei der sechs größten Schiffbaubetriebe von MV in Rostock angesiedelt.

Auf der Neptun Werft ist im Frühjahr dieses Jahres eine neue, 58 Meter hohe Produktionshalle in Betrieb genommen worden, in der komplett ausgerüstete Maschinenraum-Module für Kreuzfahrtschiffe hergestellt werden. In der jüngeren Vergangenheit hatte sich das Unternehmen in Warnemünde mit dem Bau von über 65 Flusskreuzfahrtschiffen zu einem Marktführer in diesem Segment gemausert.

Der Kreuzschifffahrtbau hat aktuell auch auf dem benachbarten Gelände von „MV Werften“ Einzug gehalten. Der neue Eigner Genting Hong Kong möchte für das eigene Cruise-Geschäft in Asien Global-Class-Schiffe in Warnemünde und Wismar bauen, die jeweils Platz für 5000 Passagiere bieten. Ein Mega-Projekt, das dem Schiffbau an der Warnow eine ungeahnte Perspektive eröffnet und die maritime Zulieferindustrie vor nie dagewesene Herausforderungen stellt.

Modulare Systeme und Baugruppen für die Spezialschiffe zwingen die zumeist kleineren Zulieferbetriebe zu enger Zusammenarbeit – auch in Forschung und Entwicklung. Mit der Universität Rostock und anderen Wissenschaftsinstitutionen, zum Beispiel der Fraunhofer-Einrichtung für Großstrukturen in der Produktionstechnik IGP, verfügt die Stadt über qualifizierte Kapazitäten.

An der Unifakultät für Maschinenbau und Schiffstechnik etwa wird derzeit im Maschinenlabor an einem der weltgrößten Forschungsmotoren experimentiert. Ziel ist es, die Schadstoffemissionen von Verbrennungsmotoren zu reduzieren. Dabei arbeiten die Forscher auch mit dem Schiffsmotorenhersteller Caterpillar zusammen. Dieser produziert in seinem Warnemünder Werk unter anderem Dual-Fuel-Antriebsaggregate.

Die mit umweltfreundlichem Flüssiggas LNG zu betreibenden Motoren kommen zunehmend auf neuen Kreuzfahrtschiffen zum Einsatz. Ein Vorreiter ist hierbei Deutschlands größte Kreuzfahrtreederei AidaCruises, die in Rostock ansässig ist, wo sie Mitte der 1990er-Jahre gegründet wurde. Das jüngste Neubauprojekt, die derzeit auf der Meyer-Werft in Papenburg entstehende „Aidanova“, wird mit vier Dual-Fuel-Schiffsmotoren ausgerüstet und ab Herbst 2018 als 13. Schiff der Aida-Flotte auf den Weltmeeren unterwegs sein.

Der Seehafen ist Taktgeber der wirtschaftlichen Entwicklung in Rostock. Neben dem konventionellen Umschlagsgeschäft vermarktet sich Deutschlands größter Universalhafen an der Ostsee als maritimes Gewerbegebiet. Industrieunternehmen wie der Kranbauer Liebherr-MCCtec und der Großröhrenhersteller EEW Special Pipe Constructions haben sich im Hafen angesiedelt und nutzen die logistisch wichtige Nähe zum Wasser. Sie strahlen mit ihrer Produktion auf die regionale Wirtschaft aus.