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600 Jahre Universität Rostock Die kurze Hoffnung auf Reformen

Von NNN | 17.02.2019, 08:00 Uhr

1848 standen Rostocker Professoren an der Spitze. Auf einen Hauch von Freiheit folgten die Rache der Mächtigen und harte Urteile im Hochverratsprozess.

Am 28. Februar 1848 erreichten die Nachrichten von der Februarrevolution in Frankreich auch Mecklenburg. Schon am 9. März erhoben Wissenschaftler der Rostocker Universität ihre Stimme für demokratische Reformen. Zu nennen sind hier der am 12. März 1800 in Muchow bei Grabow geborene Kurz Türk, der 1848 bis 1849 Dekan der Philosophischen Fakultät war, der am 15. März 1801 in Neukirchen geborene Christian Wilbrandt, seit 1837 Professor für Ästhetik und neuere Literatur, 1847 Rektor der Universität und Julius Wiggers (geboren am 17. Dezember 1811 in Rostock), seit 1848 Professor für Theologie in seiner Vaterstadt. Der bekannteste der Rostocker Demokraten war Moritz Wiggers (geboren am 17. Oktober 1816 in Rostock), der sich 1843 hier als Advokat niederließ.

Ruf nach Pressefreiheit  

Die Demokraten verlangten von Großherzog Friedrich Franz II. unter anderem eine Verfassungsreform sowie Presse- und Versammlungsfreiheit. Vom 16. bis 23. März machte der Großherzog bemerkenswerte Zugeständnisse. Er bewilligte die Pressefreiheit, sprach sich für einen außerordentlichen Landtag aus und versprach den Übergang zur konstitutionellen Monarchie. Es kam zur Bildung von Reformvereinen in mehreren Städten Mecklenburgs. Doch der von Moritz Wiggers geleitete Rostocker Verein erlebte bald seine Spaltung. Im Juli 1848 erklärte Karl Hegel, seit 1841 Professor für Geschichte, seinen Austritt und rief zur Gründung einer eigenen, gemäßigten Reformpartei auf. Dazu kam es am 6. September; ihr Vorsitzender wurde der Physiker Professor Karsten.
Der Frühherbst des Jahres 1848 stand im Zeichen der Wahl eines neuen Landtages, der am 31. Oktober eröffnet wurde. Doch sein Einfluss blieb gering. Durch die Einmischung Preußens und Österreichs kam es zum Rücktritt der Regierung und zur Auflösung der Abgeordnetenkammer am 1. Juli 1850. Der Schiedsspruch von Freienwald am 14. September beseitigte das Staatsgrundgesetz, und der landesgrundgesetzliche Erbvergleich von 1755 galt wieder als das höchste Gesetz. Alle erreichten Grundrechte wurden nach und nach aufgehoben. Professoren werden entlassen

Am 7. Juli 1852 kam es zur Entlassung der Professoren Julius Wiggers, Christian Wilbrandt und Karl Türk, ohne dass sie auch nur einen Pfennig Pension von der Universität erhielten. Im Frühjahr 1853 verhaftete die Polizei die drei Professoren, den Advokaten Moritz Wiggers, Harte und Uterhardt, den Arzt Dr. Dornblüth und sieben weitere Rostocker. Sie wurden Ostern 1853 im so genannten Rostocker Hochverratsprozess angeklagt. Die aufrechten Demokraten waren bis zu viereinhalb Jahre im Kriminalgefängnis Bützow eingekerkert.
Moritz Wiggers wurde 1867 Mitglied des Norddeutschen, 1871 bis 1881 des Deutschen Reichstages. Sein Bruder Julius war ebenfalls Mitglied beider Reichstage. Christian Wilbrandt starb 1867 in Bad Doberan, Karl Türk 1887 in Lübeck.

In den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts ging es im Rostocker Gesundheitswesen spürbar voran. Das am 30. Juli 1855 eingeweihte Universitäts-Krankenhaus (medizinische und chirurgische Klinik) am Schröderplatz war bald zu eng geworden. 1863 baute man an der östlichen Seite, 1892 an der westlichen Seite einen Flügel an. Das ursprünglich für 60 bis 70 Patienten bestimmte Krankenhaus besaß um 1900 bereits 300 Betten. Zur Betreuung der Kranken, die aus Rostock und dem Umland kamen, waren neun Ärzte angestellt.

In den Jahren 1885 bis 1887 wurde die Universitäts-Frauenklinik in der Doberaner Straße gebaut. Die Pläne stammten von dem Frauenarzt Friedrich Schatz, der 1872 einen Lehrstuhl für Gynäkologie erhalten hatte. Am 16. Mai 1892 wurde die Universitäts-Augenklinik eingeweiht; in ihr standen 75 Betten zur Verfügung.

Ein Ruhmesblatt war der Bau der Universitätsklinik für Ohren-, Nasen- und Kehlkopfkrankheiten. Als erste deutsche Universität besaß Rostock eine selbstständige HNO-Klinik. Eröffnet wurde sie 1899. Die Leitung der Einrichtung übernahm Otto Körner, der 1894 eine Professur in Rostock erhalten hatte. Zu den bedeutenden Krankenhauseinrichtungen gehörte auch die am 12. November 1896 eingeweihte Landes-Irrenanstalt Gehlsheim. Rostock hatte in jener Zeit etwa 55 000 Einwohner.