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Ein Artikel der Redaktion NNN

Rostock Diese Hunde gibt es nur auf Rezept

Von Nicole Pätzold | 14.10.2011, 10:32 Uhr

Der Tag des weißen Stocks soll auf die schwierige Situation blinder Menschen aufmerksam machen.

Besondere Hilfe bekommen sie von Blindenführhunden. Einer von ihnen ist der braun gelockte Labradoodle Vincent. Er hat eine ganz besondere Geschichte: Als er noch ein Welpe war, war nicht zu ahnen, welches Leben ihm einmal bevorstehen würde. "Eine junge Frau kaufte ihn zu Therapiezwecken für ihren kleinen Sohn", sagt Aniko Ebersberger, selbstständige Hundetrainerin. Obwohl die Labradoodle-Hunderasse schon besonders für Menschen mit Hundehaarallergie gezüchtet wurde, zeigte der kleine Junge starke Hautreizungen. Die Mutter wollte den Hund abgeben, suchte Rat beim Tierheim und fand stattdessen die Trainerin, die auf dem gleichen Gehöft arbeitet.

Vom Jungtier zur Assistenzausbildung

Die 45-Jährige bildet Assistenz- und Blindenführhunde aus. "Ich erkannte gleich sein liebes Wesen und sein Potenzial", sagt Ebersberger. Die Trainerin bekam den Hund letztlich von der jungen Mutter geschenkt. Damit waren die Weichen für Vincents Bestimmung als Blindenführhund gestellt. Und jetzt ist er ausgebildet. "Vincent führt sehr gut und ruhig", sagt Ebersberger. Anderthalb Jahre verbrachte der Rüde bei der erfahrenen Trainerin und ihren drei Mitarbeiterinnen im Rostocker Kleintierzentrum. Die eigentliche Ausbildung dauert aber nur ein halbes Jahr.

Der Fall Vincent war für Ebersberger die Ausnahme. Normalerweise läuft es anders: "Der Blinde ruft bei mir an und sagt, dass er einen Hund braucht", sagt die 45-Jährige. Dann treffen sich beide zum Gespräch, bei dem sich die Trainerin und der spätere Halter kennenlernen. Schließlich will der Hundeprofi einen Vierbeiner aussuchen, der zu seinem künftigen Herrchen passt.

Das Tier, das sie dann kauft, ist in der Regel zwischen einem und zwei Jahren alt und muss vorher einen Wesenstest bestehen. "Aufgeweckt, neugierig und lernbereit muss der Hund sein und ein starkes Nervenkostüm haben", sagt Ebersberger. Schließlich müsse er den Blinden in einer großen Stadt führen können. Auch ein umfassender Gesundheitscheck ist dafür notwendig. Nicht jeder Hund eignet sich als Blindenführhund.

Sind alle Details geklärt, beginnt die eigentliche Arbeit der Hundetrainerin. Sie baut Vertrauen auf, füttert, pflegt und trainiert ihren Schützling. Er lernt sein weißes Geschirr, den weißen Stock und 32 Hörsignale kennen. "Ich bringe dem Hund bei, Gegenstände zu finden oder Ziele anzulaufen", sagt sie. Außerdem zeigt der Blindenführhund Hindernisse und Unebenheiten am Boden an. Das funktioniert mit ganz viel Liebe, Zuspruch und natürlich Leckerchen.

Lehrgang und Eignungstest

"Wenn der Hund fertig ausgebildet ist, gibt es einen 14-tägigen Einführungslehrgang", sagt die gebürtige Ungarin. Sie fährt zu den Leuten, bringt Hund und Halter zusammen. Dann bleibt das Tier direkt bei dem Sehbehinderten. Noch ist der Hund aber auf seine Trainerin fixiert, das muss sich ändern. "Der Blinde muss das Herz des Hundes erobern", sagt sie. Er übernimmt Pflege, Fütterung, Streicheleinheiten. Ob die Zusammenführung funktioniert, entscheiden die Trainerin, der Blinde, aber auch der Hund.

Letztlich gehen die drei den Alltag des Blinden ab - üben den Arbeitsweg, finden den Einkaufsmarkt, den Arzt, die Straßenbahnhaltestelle, besuchen die Familie. Auf ein bestimmtes Signal hin wird der Hund die Ziele später finden. "Es klappt nicht vom ersten Tag an, er muss sich gewöhnen", sagt Ebersberger. Eine Prüfung durch die Krankenkasse testet letztlich die Eignung des Gespanns. Ist diese erfolgreich, bekommt die Trainerin den Lohn der monatelangen Arbeit. Zehn bis zwölf Jahre kann ein Blindenhund führen. Etwa 20 000 Euro kosten Ausbildung, Lehrgang und Blindenführhund. Das übernimmt die Krankenkasse. Für Ebersberger ist ein Blindenführhund ein Hilfsmittel mit Seele. "Er ist ein Hund auf Rezept, der die Mobilität des Blinden verbessert", sagt sie. Das Tier spart dem Sehbehinderten Zeit, gibt Sicherheit und wird zu einem Freund. Durch eine veterinäramtliche Erlaubnis darf der Vierbeiner überall dort hin, wo andere Hunde draußen bleiben müssen.

Das Glück, einen liebevollen Besitzer zu haben, dem er im Alltag helfen kann, ist Labradoodle Vincent bisher noch nicht vergönnt gewesen. Der 21 Monate alte Rüde sucht noch nach einem Herrchen.

Kontakt: Kleintierzentrum Aniko Ebersberger 0381/ 66 91 99 40