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Kanurennsport Ein Bootshaus, jedoch zwei Baustellen

Von Peter Richter | 08.09.2019, 22:35 Uhr

Die einstige Hochburg des Rostocker Kanurennsports entsteht neu. Doch was wird aus Trainerin Ramona Portwich?

Ende der 1960er-Jahre wurde für das Kanubootshaus des damaligen SC Empor Rostock auf der Holzhalbinsel der Grundstein gelegt. In den etwa 50 Jahren seiner Existenz ist zwar von den jetzigen Kanufreunden Rostocker Greif „unheimlich viel selbst gemacht, Eigeninitiative gezeigt, alles mit sehr viel Manpower und dank Sponsoren, Spenden und eigenen finanziellen Mitteln in Schuss gehalten worden, obwohl wir nur Mieter sind“, sagt der Vereinsvorsitzende Axel Goldbecher. Doch dass der Zahn der Zeit sichtlich am und im Bootshaus nagte, war nicht zu verhindern.

Aber jetzt tut sich was. In einer Kulisse aus Bauzäunen, Maschinenlärm und Schuttcontainern erwacht der Traditions-Standort aus dem Dornröschen-Schlaf. Kernsanierung – nur die Bodenplatte und Wände bleiben, sonst entsteht alles neu: Heizung, Sanitär, Elektro, Dämmung, Fassade inklusive Fenster. 2020 soll die Ex-Hochburg des Kanurennsports wieder nutzbar sein.

Doch es existiert leider nicht nur diese eine, Zukunft verheißende Baustelle. Es gibt noch eine zweite, personelle: Ausgerechnet die erfolgreichste „Tochter“ der einstigen Sektion Kanurennsport des SC Empor, die dreimalige Olympiasiegerin Ramona Portwich, soll „weg“.

Die heute 52-Jährige war Ende 2009 in ihre Heimatstadt zurückgekehrt und hat seitdem über Talentefindung und Nachwuchsarbeit maßgeblichen Anteil am Neuaufbau ihres Sports in Rostock.

Nach den Vorstellungen des Landessportbundes und des Landeskanuverbandes MV wird sie jedoch ab dem 1. November 2019 ihren Trainerberuf in Neubrandenburg ausüben und nicht mehr in der Hansestadt.

Es ist natürlich nachvollziehbar, dass man eine fähige Kraft gut gebrauchen kann, die neun Jahre lang österreichische Bundestrainerin war, hier u. a. eine 15-jährige Viktoria Schwarz aufbaute, die später dreimal an Olympischen Spielen teilnahm, WM-Gold und -Silber im Kajak-Zweier erkämpfte. Die diverse begabte Jung-Kanuten ausbildete und auch an die Sportschule der Vier-Tore-Stadt delegierte. Und die neben fachlicher Kompetenz auch das nötige Händchen hat: Mit Jan Ole Prager ist gerade eine ihrer Entdeckungen Junioren-Europameister im Kajak-Vierer geworden.

Aber all diese Qualitäten würden dringend hier, zu Hause benötigt, während es Neubrandenburg offenbar in erster Linie darum ginge, die Daseinsberechtigung des dortigen Stützpunkts unter Beweis zu stellen, und das auf ihre Kosten – meinen die hiesigen Paddler.

„Die Zusammenarbeit der vier Rostocker Kanu-Vereine* mit Ramona ist eine Erfolgsgeschichte genau wie das, was gerade mit dem Bootshaus passiert. Es passt nicht zusammen, das hier für 3,6 Millionen Euro zu modernisieren, und dann ist die Trainerstelle weg und geht nach Neubrandenburg, wo es nicht wirklich Bedarf gibt. Das ist in unseren Augen nicht sinnvoll“, so der 2. stellvertretende Vorsitzende der Kanufreunde Rostocker Greif, Henry Lehmann.

Nicht nur er vertritt die Meinung, dass mit Ramona Portwich, die 2010 mit der Maxime antrat, „den Kanurennsport in Rostock wiederzubeleben“ (NNN 23. Dezember 2009), die Zukunft des Leistungs-Paddelns an der Warnow steht oder fällt.

Der klare Standpunkt lautet: Die Trainerstelle war für Rostock gedacht, dort soll sie auch bleiben. Die hiesigen Vereine hätten das nicht zuletzt jahrelang mit unterstützt und finanziell getragen. Lehmann: „Man muss doch auch mal an die Sportler denken. Hier ist die Stadt mit der mit Abstand größten Einwohnerzahl in MV und dadurch auch den meisten Möglichkeiten: Unterstützung durch die Wirtschaft, Schule, Ausbildung, Studium – und bald auch mit einem topmodernen Standort.“

Lehmann legt allerdings ebenso Wert auf die Feststellung, dass sich die Überlegungen weder gegen den Landessportbund (bei dem Ramona Portwich angestellt ist – d. Red.) noch den Landeskanuverband richten: „Wir suchen vielmehr das Gespräch, auch und gerade, wenn man unterschiedliche Auffassungen hat“, hoffen er und seine Mitstreiter auf eine einvernehmliche Lösung.

Ramona Portwich, die in Rostock für Organisation und Struktur von vier Trainingsgruppen mit 30 bis 40 Kanurennsport-Kindern verantwortlich ist, wollte sich verständlicherweise nicht zu der Thematik äußern. Die berufliche Ungewissheit ändert freilich überhaupt nichts daran, dass auch sie sich auf 2020 freut – wenn das Kanubootshaus auf der Holzhalbinsel, wohin sie einst als 13-jährige KJS-Schülerin delegiert wurde, wieder „öffnet“.

* Kanufreunde Rostocker Greif, Rostocker Kanu-Club, SV Breitling, Wassersport Warnow (WSW)