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Norddeutsche Neueste Nachrichten Ein Leben für den guten Zweck

Von Sophie Pawelke | 14.10.2011, 10:53 Uhr

Ingo Richter hat es sich in seinem Sessel gemütlich gemacht.

Im Wohnzimmer seiner Wohnung im Hansaviertel stehen zahlreiche Bücher. Die Wände sind voll mit Bildern. „Lesen ist wichtig“, sagt er. Auf dem antiken Sekretär hat ein Buch einen besonderen Platz: „Helmut Schmidt. Außer Dienst“ steht dort hochkant und gut sichtbar. „Wir sind alte Bekannte, haben regelmäßig Kontakt“, erklärt Richter und rührt in seinem Kaffee. Den trinkt er ausschließlich aufgebrüht. Der ehemalige Leiter der Kinder- und Jugendklinik hat viel zu erzählen. In den vergangenen vier Jahrzehnten hat er einiges erreicht. Sein größter Verdienst ist der Förderverein Hansetour Sonnenschein. Mit der Hilfsaktion konnte er mehr als zehn Millionen Euro für kranke Kinder sammeln. Heute wird der Rostocker 75 Jahre alt. Richters Schaffen begann als Arzt auf der Kinderkrebsstation der Uniklinik. „Schon früh machte mir das Arbeiten mit Kindern Spaß“, berichtet Richter. Fast sein ganzes Arbeitsleben verbrachte er auf der Station, es sei sein zweites Zuhause gewesen. Doch neben Freude gab es auch viel Leid. „Wenn mich morgens die Schwestern traurig begrüßten, wusste ich sofort, dass es ein Kind nicht geschafft hatte.“ Einige seiner Mitarbeiter seien an den Ereignissen zerbrochen. Irgendwann reichte es Richter nicht mehr, nur mit seinen medizinischen Kenntnissen zu helfen. Das einschneidendste Erlebnis im Leben des Rostockers war der USA-Besuch kurz nach der Wende. Mit seiner Arbeitsgruppe reiste er in die Staaten, um sich dort mit anderen Medizinern auszutauschen. „Von Massachusetts bis Florida besuchte ich zahlreiche Krankenhäuser, die nur von Spendengeldern errichtet worden waren“, sagt er. Beeindruckt von der Hilfsbereitschaft der Amerikaner nahm sich Richter vor, gleiches auch in Mecklenburg-Vorpommern zu schaffen, und gründete 1992 die Hansetour Sonnenschein. Mit dem Förderverein setzte er sich das Ziel, leukämie-, krebs- und chronisch erkrankten Kindern zu helfen. Bis heute konnte Richter zehn Millionen Euro an Spendengeldern auftreiben. „Das hätte ich am Anfang nicht für möglich gehalten. Es ist ein Phänomen.“

Richter investierte alles in die bessere Versorgung kranker Kinder. Auch Jahre nach dem Eintritt in den Ruhestand blieb er aktiv und gründete 2005 zudem die Hanseatische Bürgerstiftung Rostock, die einzelne Projekte unterstützt und Zivilcourage, Gewaltpräventation sowie Integration förden soll. Für sein Engagement wurde Richter mit dem Bundesverdienstkreuz erster Klasse ausgezeichnet.

Trotz der vielen Erfolge bleibt Richter bescheiden. Auch aus der Freundschaft zu Helmut Schmidt hat er nie eine große Sache gemacht. Zuletzt besuchte der Altkanzler im August das Ehepaar in seiner Rostocker Wohnung. Seit 1989 leben die Richters hier. Die Wohnung befindet sich unweit der Klinik.

Nur kurz nahm sich Richter eine Auszeit vom Klinikalltag und wechselte 1989 in die Politik. Er wirkte bei der Besetzung der Staatssicherheit mit und war Mitbegründer der Rostocker SPD. Die Partei hat sich quasi in seinem Wohnzimmer gegründet. „In diesen vier Wänden ist sehr viel passiert“, erinnert sich Richter. Nach nur einem halben Jahr kehrte Richter im Mai 1990 an die Uniklinik zurück. In der Partei ist er bis heute. Was er gar nicht mag, ist, wenn ihn jemand Genosse nennt. Das erinnert ihn zu sehr an SED-Zeiten.

Seine Aufgaben in verschiedenen Vereinen hat Richter zum größten Teil abgegeben. Nur für die Rostocker Kaufmannschaft verfasst er noch regelmäßig Schriften. Dass Richter langsam zur Ruhe kommt, freut besonders seine Frau Hannelore, die er liebevoll sein „Hannchen“ nennt. 2012 Jahr feiern sie goldene Hochzeit. Ohne sie hätte er es nie so weit gebracht, da ist sich Richter sicher: „Alle erfolgreichen Männer unserer Familie hatten immer eine starke Frau an ihrer Seite.“ So war es schon bei seinen Eltern. Von seinem Vater hat der 75-Jährige auch sein Interesse für Medizin. In der elterlichen Arztpraxis in Tessin sammelte er ersten Erfahrungen.

An seiner Hannelore liebt Richter besonders ihre Belesenheit, deswegen auch die vielen Bücher. „Ich glaube wir haben eine größere Thomas-Mann-Sammlung als die Unibibliothek.“ Seinen 50. Hochzeitstag will das Paar im engen Familienkreis feiern – genau wie Richters 75. Geburtstag heute. Für seine Zukunft wünscht sich der Mediziner nicht viel, außer genügend Zeit für seine zweite Leidenschaft, das Segeln. Ein Bild von seinem alten Holländer hat er immer dabei. Auch einige Bilder an der Wohnzimmerwand zeigen Segelboote und das Meer. „Und ich möchte nach Island reisen. Das ist für mich ein Traumland.“