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Ausbildungsmarkt Einser-Kandidaten werden knapp

Von Torsten Roth | 18.05.2012, 10:40 Uhr

Vertragsflucht auf dem Ausbildungsmarkt: Nirgendwo in Deutschland werden so viele Lehrverträge vorzeitig gelöst wie in MV. Besonders betroffen: Handwerk, Industrie und Handel sowie Landwirtschaft.

Vertragsflucht auf dem Ausbildungsmarkt: Nirgendwo in Deutschland werden so viele Lehrverträge vorzeitig gelöst wie in Mecklenburg-Vorpommern. Fast jeder dritte Lehrvertrag ist im Ausbildungsjahr 2010/2011 häufig schon in der Probezeit oder in den ersten zwölf Monaten gekündigt worden, hat das Bundesinstitut für Berufsforschung (BiBB) in Bonn im neues Datenreport zum Berufsbildungsbericht ermittelt - 31,5 Prozent aller Verträge, bundesweit waren es 23 Prozent. Besonders betroffen: Handwerk, Industrie und Handel sowie Landwirtschaft. So sind allein in Industrie und Handel 31,1 Prozent der Lehrverträge nicht erfüllt worden - bundesweit der höchste Anteil. Noch schlimmer sieht es im Handwerk aus - 37, 1 Prozent der Lehrvereinbarungen wurden gelöst. In den Agrarbetrieben hörten die Lehrlinge in 33,9 Prozent der Fälle vorfristig auf - der zweithöchste Wert bundesweit.

Die Ursachen: Insolvenz und Schließung des Betriebs, der Wechsel von einer außerbetrieblichen in eine betriebliche Ausbildung oder auch Berufswechsel der Auszubildenden. Ein "systemischer Effekt", begründete Hans-Günter Trepte, Berufsbildungsexperte der Vereinigung der Unternehmensverbände Mecklenburg-Vorpommern. In MV habe es in der Vergangenheit eine Vielzahl von außerbetrieblichen Ausbildungsangeboten gegeben, die gelöst wurden und in betrieblichen Angeboten mündeten. Außerdem: Nach den Jahren des Bewerberandrangs auf dem Lehrstellenmarkt hätten die jungen Leute angesichts der inzwischen rapide gesunkenen Bewerberzahlen "irre Perspektiven", meinte Trepte. So wechselten beispielsweise einige Auszubildenden nach Lehrjahresbeginn innerhalb des gleichen Berufes zu Unternehmen mit besseren Vertragsbedingungen.

Trotz der hohen Auflösungsquote: Die meisten Auszubildenden, deren betrieblicher Ausbildungsvertrag vorzeitig gelöst wurde, würden nicht aus der Berufsausbildung aussteigen sondern gingen in der Mehrzahl noch einmal neu an den Start. So setzen bundesweit 62 Prozent nach der Auflösung ihres Vertrages andernorts die Ausbildung fort, ergab die letzte BiBB-Befragung unter bundesweit 2300 Jugendlichen. Etwa die Hälfte schloss beispielsweise einen Lehrvertrag ab. Angesichts der auf ein Drittel gesunkenen Schulabgängerzahlen in MV müssten Betriebe ihre Auszubildenden "pfleglich behandeln", um sie im Betrieb zu halten, forderte Trepte. Da "Einser-Kandidaten nicht mehr so häufig" seien, müsse die Wirtschaft auch schwächeren Jugendlichen eine Chance geben und sie in Ausbildung bringen, meinte Trepte. Jeder werde gebraucht, meint auch Margit Haupt-Koopmann, Chefin der Landesarbeitsagentur: "Die Zeit der Olympioniken ist vorbei."

Mehr offene Lehrstellen als Bewerber - Ausbildungsabbrecher können sich die Unternehmen nicht mehr leisten: In MV stehen jetzt ehemalige Berufsbildungsmanager schwächeren Auszubildenden bei. Theoretische Nachhilfe, praktische oder Lebenshilfe - inzwischen bieten sich 17 Fachleute der so genannten Vera-Initiative des bundesweit aktiven Senior-Experten-Service (SES) in Westmecklenburg Jugendlichen mit Problemen als persönlicher Ausbildungsbegleiter an, teilte SES-Regionalkoordinatorin Rosemarie Krumsee mit (Infos unter www.vera.ses-bonn.de). Stress mit dem Chef im Betrieb, Probleme bei der Prüfungsvorbereitung, Mobbing in der Ausbildungsklasse, überforderte Jugendliche in der Berufsschule: "Wir wollen jungen Leuten helfen, die Gefahr laufen ihre Ausbildung nicht zu schaffen oder abzubrechen und Hilfe zur Selbsthilfe geben", sagte Krumsee - im Interesse der Auszubildenden und der Unternehmen. So sei es für Betriebe kaum möglich, Lehrstellen, die durch Ausbildungsabbrecher frei werden, während des Lehrjahres neu zu besetzen. Die Jugendlichen verbesserten hingegen durch eine abgeschlossene Berufsausbildung ihr Jobchancen, erklärte Krumsee. Das kostenfreie Angebot richte sich sowohl an Lehrlinge aber auch die Ausbildungsbetriebe und Eltern. In den kommenden Monaten solle der Service zusammen mit den Wirtschaftskammern in allen Landesteilen ausgebaut werden. Bundesweit gebe es inzwischen 1500 Ausbildungsbegleiter, in MV würden noch weitere Fachleute gesucht.