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Wirtschaft in Rostock Finanzsenator kritisiert Ansiedlung von Amazon scharf

Von Stefan Menzel | 18.10.2020, 20:00 Uhr

Der US-Internetriese werde seiner Verantwortung nicht gerecht. Der Gewerkschaftsbund sieht die Stadt in der Pflicht.

Die Hansestadt Rostock ist in MV ein wirtschaftlicher Leuchtturm und hat Anziehungskraft auf internationale Konzerne wie Amazon. Doch die Kritik an der geplanten Ansiedlung im Güterverkehrszentrum am Rande des Überseehafens hält weiter an. Zuletzt beschloss ein Bürgerschaftsausschuss die Verpachtung eines zweiten etwa zehn Hektar großen Grundstücks dort. Scannell Properties, ein amerkanisches Unternehmen für Immobilienentwicklung, vermietet dieses voraussichtlich an Amazon unter. Der Handelsriese werde seiner unternehmerischen Verantwortung nicht gerecht, bemängeln nun Rostocks Finanzsenator Chris Müller-von Wrycz Rekowski (SPD) und Gewerkschaftsvertreter.

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Unternehmen solle "seine Leute ordentlich bezahlen"

"Gemeinden, die bereits eine Amazon-Ansiedlung haben, berichten nicht nur Positives", so Müller-von Wrycz Rekowski. Grundsätzlich begrüße er jede Ansiedlung in der Hansestadt. Jedoch stelle sich bei Amazon die Frage, was Rostock von einer Dependance habe. "Entstehen wirklich Arbeitsplätze, von denen die Menschen leben können? Oder müssen sie ihr Gehalt mit Leistungen vom Amt aufstocken", fragt der stellvertretende Oberbürgermeister.

Amazon verdiene durch sein Geschäftsmodell sehr viel Geld. "Dann kann das Unternehmen auch seine Leute ordentlich bezahlen, die Mitarbeiter beteiligen und der Stadt etwas zurückgeben. Und da habe ich Zweifel, dass Amazon das im Blick hat", so der Finanzsenator weiter.

Gewerkschaftsbund mahnt Tariflöhne an

Der regionale Verantwortliche des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB), Fabian Scheller, sieht die Kommune beim Thema Amazon in der Pflicht: "Die Stadt hat den Hebel in der Hand, etwas für gute Arbeit zu tun." Ähnlich wie in München sollte als Bedingung für eine Ansiedlungen die Zahlung von Tariflöhnen von Unternehmen verlangt werden. Eine Vergabe von städtischen Gewerbeflächen ist in der bayrische Landeshauptstadt darüber hinaus an die Anzahl zukünftiger Arbeitsplätze und die Höhe der zu erwartenden Gewerbesteuern geknüpft.

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Zusätzlich gebe es seit fast zehn Jahren einen Konflikt zwischen Arbeitgeber und -nehmern über die Anwendung eines Tarifvertrags. Das US-Unternehmen bestehe darauf, ein Logistikunternehmen zu sein. Die Gewerkschaften fordern, dass der Tarifvertrag des Handels mit besseren Konditionen zum Zuge kommt. Auch gegen die Mitbestimmung von Mitarbeitern würde sich Amazon wehren.

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Konzern widerspricht den Vorwürfen

"Die Löhne für Logistikmitarbeiter liegen am oberen Ende dessen, was in vergleichbaren Jobs bezahlt wird", sagte Nadiya Lubnina, Sprecherin des Unternehmens Amazon. Beim Berufseinstieg würde diese bei rund zwölf Euro pro Stunde liegen. Zusätzlich steigere sich das Gehalt nach zwölf und 24 Monaten automatisch, sodass nach zwei Jahren im Betrieb der durchschnittliche Lohn bei rund 2600 Euro brutto liege.

Ein langfristiges Engagement sei das Ziel

Durch Mitarbeiterumfragen und "eine Politik der offenen Tür" hätten die Angestellten die Möglichkeit mit dem Management in Kontakt zu treten. "Wir sind fest davon überzeugt, dass diese Art der direkten Kommunikation und die Zusammenarbeit mit den Betriebsräten der Standorte der effektivste Weg ist, um die Belange der Belegschaft zu verstehen und auf sie zu reagieren", so Lubnina weiter.

Amazon gehe es auch in Rostock "um ein langfristiges, für beide Seiten gewinnbringendes Engagement in und mit der Gemeinde". Daher zahle der Handelsriese ab dem ersten Jahr Gewerbesteuern, schaffe Arbeitsplätze und hätte Lieferanten aus der Region.