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Schwerin Gigantismus im Straßenbau

Von Torsten Roth | 14.10.2011, 10:45 Uhr

Zweifel lässt Dirk Schiewer nicht zu: Geringere Fahrzeiten, niedrigerer Spritverbrauch, weniger Mautkosten - der Neubau des neuen Autobahnanschlusses zum größten Gewerbepark des Landes in Valluhn/Gallin "rechtfertigt den Aufwand", ist der Fachmann des kommunalen Planungsverbandes überzeugt.

Seit zehn Jahren fordern die Firmen eine schnelle Auffahrt. Etwa 1,2 Millionen Euro würden die Unternehmen damit einsparen, rechnet Schiewer vor. "Der Druck wurde immer größer", meint der Planer.

Bund, Land und Kommunen sind ihm nun erlegen. Ab kommendem Jahr soll gebaut werden. Nach einer für 2,2 Millionen Euro bereits gebauten Abfahrt aus Richtung Hamburg sollen für weitere sechs Millionen nun eine komplette Anschlussstelle samt Straßenausbau in die benachbarten Gemeinden in die Landschaft gestellt werden.

Verkehrte Welt: MV leistet sich eine neue Abfahrt, obwohl nur drei Kilometer weiter eine Autobahnabfahrt mit einem mit Millionenaufwand ausgebauten drei Kilometer langen Zubringer zum Gewerbegebiet besteht - sechs, sieben Kilometer, etwa acht Minuten Anfahrt zum Megapark Valluhn/Gallin. Acht Minuten Fahrzeitersparnis für Investitionen von 8,2 Millionen Euro: Zu großer Aufwand, kritisieren Naturschützer und Steuerzahlerbund. Kein Einzelfall: Mecklenburg-Vorpommerns westlichste Autobahnauffahrt ist eines von mindestens sechs der unsinnigsten Verkehrsprojekte im Land.

"Gebaut wird so teuer wie möglich"

Kostspieliger Straßenbau in Zeiten knapper Kassen: Der Fall Valluhn/Gallin ist überall in Deutschland. Einsparungen im Minutenbereich stehen Millionen-Investitionen gegenüber - da fehlt die "Verhältnismäßigkeit", kritisiert Reiner Holznagel, Chef des Steuerzahlerbundes, die Ausgabenpolitik der Straßenbauer. Nicht kleckern, sondern klotzen: Trotz stetig sinkender Einwohnerzahlen leistet sich MV eines der aufwendigsten Straßennetze.

So sei in der Vergangenheit die Landesstraße 03 von Schwerin nach Mühlen-Eichsen ausgebaut worden - als Zubringer für die Küstenautobahn 20. Nur: In diesem Bereich gebe es bereits zwei Zubringer, sagt Corinna Cwielag, Landesgeschäftsführerin des Bundes für Umwelt und Natur (BUND). Vor allem aber sei für die Verbreiterung der Straße um 20 Zentimeter eine ganze Alleenseite abgeholzt worden. Zu Lasten der Steuerzahler und der Umwelt klotzen die Straßenbauer Projekte mit zweifelhaftem Nutzen in die Landschaft. MV leiste sich im Straßenbau "Luxuslösungen wie in Ballungsgebieten", dabei sei das Land einer der am dünnsten besiedelten Landstriche, meint Cwielag. "Gebaut wir so teuer wie möglich." Der Etat werde falsch verteilt, fügt BUND-Fachfrau Katharina Brückmann hinzu. "Das Land baut die Straßen luxuriös aus, während die Kreise von Loch zu Loch fahren."

Fehlender Verkehr auf der Kanzlerautobahn

Zum Beispiel der Fall A 14: So sehr sich Autofahrer in Richtung Süden auch über eine schnelle Verbindung freuen würden, der Bedarf scheint eher herbeigerechnet. Schon heute gleicht das jetzige A-14-Teilstück zwischen der Autobahn 24 und der A 20 an vielen Tagesabschnitten eher einer idealen Skateboard-Bahn als einer vielbefahrenen Schnellstraße - freie Fahrt auf fast leerer Piste. Kosten für den Ausbau allein zwischen Wismar und Schwerin-Süd: mindestens 200 Millionen Euro.

Wie bei der neuen Autobahnauffahrt Valluhn fuhr die Wirtschaft schon bei der A 14 schwere Geschütze auf. Die Rechnung: Durch die fehlende durchgängig befahrbare A 14 gehe den Unternehmen jährlich ein volkswirtschaftlicher Nutzen von knapp 28 Millionen Euro verloren. Das Problem: Statt auf der Autobahn fahren die Holzlaster jetzt aber lieber auf der parallel verlaufenden Bundesstraße 106 nach Wismar - um Maut zu sparen.

Inzwischen steht auch der Nutzen der Südverlängerung nach Magdeburg in Frage: Für 1,3 Milliarden Euro soll die Piste die Landschaft zerschneiden. Für 15 000 statt noch vor Jahren erwarteter 30 000 Fahrzeuge am Tag - eine ökologische Todsünde, wettert der BUND und zählte die sogenannte Kanzlerautobahn zum "dussligen Dutzend" des Bundesverkehrswegeplans.

Es geht auch billiger: Wenig Verkehr, keine Autobahn - die Umweltschützer hatten seinerzeit eine dritte wechselseitige Überholspur für die parallel verlaufenden Bundesstraßen 106, 5 und 189 gefordert - für 400 Millionen Euro weniger als das Autobahnprojekt.

Auf dreispuriger Straße rollt der Verkehr auch

Fall B 96 Neubrandenburg-Neustrelitz: Nach den bisher vorgestellten Vorplanungen soll dort eine dreispurige Straße gebaut werden - kreuzungsfrei, mit Ortsumgehungen, neben der bestehenden und verbleibenden Bundesstraße, erklärt Cwielag. Mindestens 100 Alleenbäume sollen dafür fallen. Die Strecke sei die Hauptverbindungsstraße zwischen Berlin und Neubrandenburg, begründet das Verkehrsministerium. Mit dem für die nächsten Jahre geplanten Ausbau sollen die Erreichbarkeit der Region erhöht, Unfallschwerpunkte beseitigt und die Verkehrssicherheit erhöht werden, meinen die Schweriner Planer. Die bundeseigene Deutsche Einheit Fernstraßenplanungs- und -bau GmbH (Deges) hat sogar noch einen anderen Grund ausgemacht: Deges-Planer hätten erklärt, mit dem Ausbau könne auch die Autobahn 20 vom Berlin-Verkehr Richtung Rügen entlastet werden, sagt BUND-Fachfrau Brückmann - Entlastung einer Autobahn, die ohnehin schon hinter den Verkehrsprognosen zurückbleibt. "Die verlieren die Realität."

Ein Ausbau der bestehenden Bundesstraße teilweise mit einer dritten Überholspur und Kreisverkehren käme billiger, wäre umweltschonender und der Verkehr würde trotzdem fließen, meint Cwielag.

Rügenstraße: Alternative deutlich billiger

Der Fall B 96n Rügen: 80 Millionen Euro für eine neue Straße zwischen Altefähr und Bergen, deren Wirtschaftlichkeit Gutachter in Frage stellen, warnt der Steuerzahlerbund und fordert in einer Stellungnahme an das Bundesverwaltungsgericht die Prüfung von kostengünstigeren Alternativen. Nach dem Bau der Strelasund-Querung wollen die Straßenplaner nun parallel zur bisherigen B-96-Trasse eine neue, dreispurige Straße bauen - samt riesigen, autobahnähnlichen Anschlussstellen, für die allein 72 Alleenbäume dran glauben müssen. Dabei scheint der Bedarf deutlich geringer zu sein, als gedacht: So kommt ein im Auftrag der Umweltverbände erstelltes Gutachten zu dem Schluss, dass künftig auf der Strecke nur 16 400 Fahrzeuge täglich unterwegs sein werden. Gutachter der Straßenplaner hatten hingegen bislang den Neubau mit einer Fahrzeugdichte von bis zu 25 000 Fahrzeugen täglich begründet.

Teurer Rügenausbau: Die Alternative liegt seit Jahren auf dem Tisch. Auch der BUND akzeptiere, dass durch den Touristenverkehr die wichtigste Rügenstraße ausgebaut werden müsse, sagte Landeschefin Cwielag. Aber: Es geht billiger. So schlagen die Umweltschützer die Sanierung der bestehenden Trasse samt Ortsumgehung vor. Allein zwischen Samtens und Bergen könnten durch den BUND-Plan ein Drittel der veranschlagten Kosten von 41 Millionen Euro gespart werden.

Doppelter Aufwand für schwächelnden Hafen

Der Fall B 96 Strüßendorf-Ralswiek: 100 Alleenbäume sollen dort gefällt werden, um auf drei Kilometern die Straße auszubauen, teilte das Verkehrsministerium mit und versicherte, dass als Ersatz 150 neue Bäume gepflanzt würden. Das sei Teil des Verkehrskonzepts auf Rügen - auch, um den Fährhafen Mukran besser erreichen zu können. Am Bedarf vorbei, meint der BUND. So sei ohnehin bereits der Ausbau der südlichen Umfahrung von Bergen geplant, erklärte Cwielag - doppelter Aufwand für einen Hafen, dessen Güterumschlag hinter den Erwartungen zurückbleibt.

Dorfallee wird Bundesnorm geopfert

Der Fall Bresegard Landesstraße 07: In dem 230-Seelen-Dorf soll eine der schönsten Alleenstraßen mit Kopfsteinpflaster samt knapp 60 Linden zerstört werden, um die Ortsdurchfahrt im Verlauf der Landesstraße 7 auf Bundesnorm zu bringen. Schlechter Straßenzustand, zu enge Trasse, begründet das Verkehrsministerium. Ein weiteres Argument: Die Straße solle auch der Entlastung Ludwigslusts dienen, erklärt Al leen-Expertin Brückmann. Nur: Aus dem Grund soll im kommenden Jahr auch der Ausbau der A 14 von der A 24 bis zur Bundesstraße 5 beginnen. Für den BUND steht fest: Das Verkehrsaufkommen rechtfertige nicht, dass die Straße für viel Geld verbreitert wird.

Reichlich Geld in EU-Fördertöpfen

Sechs Fälle von vielen in Deutschland: Zwar kann der Steuerzahlerbund in MV bei den Verkehrsprojekten der letzten Jahre grundsätzlich keinen "verschwenderischen Umgang" erkennen. Dennoch gebe es Projekte, bei den "Gigantismus angesagt ist", beobachtet Holznagel.

BUND-Chefin Cwielag wundert das nicht: Durch die satten EU-Fördertöpfe sei nach wie vor "reichlich Geld da". Und: Straßenbau zieht bei den Wählern. Mit der Zusage, die Straßen in Ordnung zu bringen, ließen sich für Politiker noch immer Vorteile erzielen. Zwar sei es notwendig, im Tourismusland auch das Straßennetz zu ertüchtigen, erkennt Cwielag den Netzausbau an. Nur: "Es geht auch billiger."