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Historisch Größter Seeumschlagplatz der DDR

Von Redaktion svz.de | 30.07.2018, 12:00 Uhr

Der erste Spatenstich für den Überseehafen erfolgte per Schaufelbagger.

Am 26. April 1956 brachten die NNN einen Beitrag mit der Überschrift: „Endgültig: Hochseehafen der DDR entsteht in Rostock“. Dies sei auf einer Sitzung der Stadtverordnetenversammlung beschlossen worden. Doch am 18. Mai erklärte SED-Bezirkschef Karl Mewis, entsprechende Presseberichte seien unrichtig. Es liege „weder im Interesse der Stadt Rostock, der Entwicklung unserer Häfen, noch der Festigung der kameradschaftlichen Beziehungen mit der Bevölkerung Hamburgs und Bremens, wenn die Behauptung aufgestellt wird, daß Rostock zu dem großen Hochseehafen ausgebaut“ werden solle. Es werde „die Einfahrt in Rostock-Warnemünde für Hochseeschiffe geöffnet“, damit „die volle Kapazität des Stadthafens genutzt“ werden könne.

Während bereits Untersuchungen für den besten Standort eines neuen Hafens liefen, meldeten die NNN am 20. Juli 1957: „Rostock erhält Hochseehafen“. Über 800 Teilnehmer an einer Bezirksparteiaktivtagung der SED hätten die Bevölkerung aufgerufen, am „Bau der Zufahrtsstraße für den Rostocker Hafen mitzuhelfen“. Karl Mewis habe erklärt, die Zufahrtsstraße werde auch für die auf der Warnow-Wert gebauten 10 000-Tonnen-Frachter die Möglichkeit schaffen, sich mit eigener Kraft auf der Warnow zu bewegen. Es ginge auch darum, unnötige Valuta in ausländischen Häfen zu vermeiden.

Im Entwurfsbüro für Industriebau Stralsund war zu diesem Zeitpunkt bereits eine im Wesentlichen auf Ideen von Direktor Ulrich Wilken beruhende Skizze entstanden, die den Seekanal und den Überseehafen zeigte. Am 14. Oktober 1957 erhielt der Stralsunder Betrieb den Auftrag für eine Vorplanung des Hafens in Rostock. Dem VEB Deutsche Seereederei war schon am 5. Oktober mitgeteilt worden, dass mit dessen Bau noch in diesem Jahr begonnen werde. Die 30. Tagung des ZK der SED am 16. Oktober 1957 segnete ab, was längst beschlossen worden war: Rostock zum größten Seeumschlagplatz der DDR auszubauen.

Am 26. Oktober 1957 fand im nahe dem Breitling gelegenen Petersdorf der symbolische erste Spatenstich statt. Den feierlichen Akt, zu dem einige Hundert Rostocker eingeladen waren, nahm Rostocks Oberbürgermeister Wilhelm Solisch vor – und zwar mit einem Schwenkschaufelbagger, dessen Hebel er bediente.

Etwa zur gleichen Zeit machte sich in Stralsund eine kleine Gruppe von Architekten und Bauingenieuren daran, ein erstes Grundprojekt zu entwerfen. Wegen der hohen Plananforderungen wurden am 1. Januar 1958 die Entwurfsbüros in Stralsund und Rostock zum VEB Entwurfsbüro für Industriebau mit Technischen Büros in den beiden Küstenstädten zusammengeschlossen.

Am Morgen des 7. Oktobers 1958 konnte der Durchstich der neuen Hafeneinfahrt gefeiert werden. Bis zur Eröffnung des Überseehafens sollten noch eineinhalb Jahre vergehen. Am Vormittag des 30. Aprils 1960 war es so weit. Gegen 12 Uhr machte der 10 000-tdw-Frachter „MS Schwerin“ am Liegeplatz 31 fest. Schließlich lief das Fahrgastschiff „Ahlbeck“ in den Hafen ein. An Bord waren die Ehrengäste: Walter Ulbricht, als Erster Sekretär des ZK der SED der mächtigste Mann der DDR, Verkehrsminister Erwin Kramer, Karl Mewis, Regierungsvertreter aus mehreren Ländern, Hafendirektoren oder deren Stellvertreter, unter anderem aus Malmö, Oslo und Kopenhagen. Nach dem Festakt zog es die Erbauer des Hafens und ihre Ehefrauen zum Stehbankett in die Kaihalle 1. Am Abend erhielten sie Speis und Trank in mehreren Rostocker Lokalen. Zur gleichen Zeit gab es für prominente Gäste einen Empfang im Warnemünder Kurhaus.

Zur Unperson wurde fünf Monate danach der erste Hafendirektor des Überseehafens: Wolfgang Benedict. Der Warnemünder studierte in Dresden See- und Hafenwirtschaft und kam als Diplom-Ingenieur nach Rostock zurück. Als am 1. Juli 1958 die Häfen Rostock, Wismar und Stralsund zu den „Vereinigten Seehäfen der DDR“ zusammengeschlossen wurden, wirkte er als deren Umschlagleiter. Am 1. Dezember 1959 erfolgte die Einsetzung als Hafenleiter, um mit drei Kollegen die Inbetriebnahme des Überseehafens vorzubereiten. Nach Auseinandersetzungen mit der SED-Bezirksleitung wurde er Ende September 1960 entlassen und aus der Partei ausgeschlossen. Ein Herzleiden stellte sich ein, und wenige Tage nach einer Operation in Brno starb er im Alter von 38 Jahren.