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Lichtenhagen-Dorf Holzfiguren geben Geheimnisse preis

Von Claudia Labude-Gericke | 22.05.2013, 09:39 Uhr

Vorsichtig streicht Wolfgang Schultz über das Eichenholz.

"Als wir den Olaf geholt haben, verlief hier ein großer Trockenriss", so der Architekt. Für ihn ist es immer noch etwas ganz Besonderes, dass die Figur des Heiligen Olaf nun wieder an dem Ort ist, von dem sie vor 70 Jahren ausgelagert wurde - in der Lichtenhäger Dorfkirche. Seit Pfingsten ist die kopflose Darstellung des norwegischen Königs, die auf etwa 1250 datiert wird, im Kirchenschiff zu sehen. Restaurator Georg von Knorre hat das Bildnis gereinigt und die Risse geschlossen.

Am 9. August 1943 war die Figur zum Schutz vor Kriegsschäden durch einen Sammeltransport des Rostocker Museums in das Gutshaus Bristow bei Teterow gebracht worden. "Vorher hatte der damalige Pfarrer sie gut ein Jahr lang im Keller aufbewahrt", sagt Schultz. Ebenfalls mit weggebracht wurde damals die zweitälteste Figur aus der Dorfkirche: die Pieta, eine Darstellung Marias als Schmerzensmutter mit dem Leichnam Jesu. 1946 erhielt die Kirchengemeinde eine Postkarte vom Rostocker Museum. "Darauf stand, dass unsere Figuren wieder zurückgeholt, aber beschädigt sind", so der Vorsitzende des Fördervereins der Lichtenhäger Dorfkirche.

Beschädigte Plastik sollte zunächst eingelagert bleiben

Bei der Pieta fehlte neben der Fußspitze und einem Teil des Gewandes vor allem der Kopf Christi. Die Schäden seien vermutlich durch Säbel- oder Floretthiebe entstanden, da keine Einschusslöcher zu erkennen sind. Die damals in Lichtenhagen Verantwortlichen wollten die beschädigten Figuren aber nicht zurück haben, deshalb wurden beide im Turm der Rostocker Nikolaikirche eingelagert. 1975 wurde dann zumindest die Pieta zurückgeholt. Doch Olaf, dessen Figur während des Krieges unter anderem den Kopf verloren hatte, war wohl nach Ansicht der Gemeinde noch immer nicht vorzeigbar und blieb im Lager. So lange, bis Schultz’ Ehefrau Ursula im vergangenen Jahr wieder an ihn dachte. Und etwas herausgefunden wurde, dass die Holzfigur noch bedeutsamer macht. Zum Tag des offenen Denkmals, der unter dem Thema Holz stand, wurden in der Dorfkirche dendrochronologische Untersuchungen des Dachstuhls vorgenommen. Schultz vermutet, dass es vor dem aktuellen Gotteshaus bereits einen Vorläufer gab, denn: "Bei den Untersuchungen tauchten 36 Bauteile auf, die älter sind als die aktuelle Kirche." Möglicherweise wurden Teile des hölzernen Vorgängerbaus bei der jetzigen Kirche mit verbaut.

"Die Reihenfolge bei der Errichtung war bei der Lichtenhäger Kirche außerdem anders als üblich - zuerst um 1370 das Kirchenschiff, dann um 1385 der Chorraum und um 1514 der Turm", sagt der 68-Jährige. Es sei nicht ausgeschlossen, dass Olaf bereits in der Vorgängerkirche einen Platz hatte. Einen Kopf soll die Figur, wenn es nach dem Fördervereinsvorsitzenden geht, übrigens nicht mehr erhalten. "Es gibt nur ein einziges Bild von der Figur mit Kopf, das stammt aus dem Jahr 1934", so Schultz. Da er im Hals der Figur einen abgebrochenen Dübel entdeckte, vermutet Schultz, dass der auf dem Foto zu sehende Kopf möglicherweise nicht der erste, sondern auch schon ein Ersatz war. Und einen Nachbau vom Nachbau sollte es in Lichtenhagen nicht geben.

Ganz komplett ist der Figurenbestand der Kirche aber auch nach Olafs Heimkehr noch nicht. "In dem Lager in der Nikolaikirche sind noch zwei Barock engel, wahrscheinlich aus der Zeit vor 1890", sagt Schultz. Sie hätten einst wohl den Altar geschmückt. Der Kirchengemeinderat muss nun entscheiden, ob sie nach Lichtenhagen-Dorf zurückkehren. Vorher wäre aber eine Restaurierung nötig, denn einer der beiden Engel hat im Lauf der Jahre seine Farbe verloren.