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Rostock "Ich kann ganz beruhigt aufhören"

Von Dieter Brumm | 13.09.2012, 07:06 Uhr

"Hier ist alles gut geordnet, ich kann ganz beruhigt aufhören." Kommenden Sonntag verabschiedet sich Pastor Henry Lohse mit einem Gottesdienst in den Ruhestand.

Doch der 63-Jährige bleibt Rostock treu, möchte weiter mit seiner Familie in seinem Haus an der Nikolaikirche wohnen.

Der gebürtige Sachse kam vor 27 Jahren in die Hansestadt, vier Jahre bevor sich zaghaft die Wende in der DDR andeutete. "Es war meine prägendste Zeit", sagt Lohse. Besonders eingeprägt hat sich ihm die erste Fürbittandacht am 5. Oktober 1989 in der Petrikirche, für die er sich gemeinsam mit Studenten entschieden hatte, die ihre Solidarität mit den Montags-Demonstranten in Leipzig bekunden wollten. Es war auch die Absicht, die Menschen in einem "geschützten Raum" über die politischen Bewegungen in der DDR zu informieren. Und die Menschen kamen in Scharen. Lohse erinnert sich: "Die Kirche war so voll wie sonst nicht mal zu Weihnachten."

Vor dem Umbruch 1990 füllten sich die Kirchen

Es mögen 500 oder mehr Menschen gewesen sein. Sie waren in die Kirche gekommen, weil sie Angst vor der "chinesischen Lösung" hatten. Denn niemand wusste, wie die DDR-Staatsmacht auf die Proteste reagieren würde." Die Kirchen füllten sich in den folgenden Wochen immer wieder und die Proteste blieben friedlich. Als die DDR schließlich auseinanderbricht, die Wende eine neue Zeit bringt, leeren sich die Kirchen wieder. Lohse war dies vorher klar: "Ich habe immer gesagt, die Kirchen waren die Geburtshelfer der Demokratie, nicht ihr Kindermädchen."

Für den Rostocker Seelsorger wurde es dadurch aber nicht ruhiger. Im Gegenteil. War die Kirche von der DDR-Führung in ein Nischen dasein gedrängt worden, nahm ihre Bedeutung nach der Wende deutlich zu, wuchsen die Aufgaben gewaltig. Der erste Kindergarten 1994, die vielen Baumaßnahmen an den Kirchen, der Aufbau von Sozialstation und Pflegedienst.

Trotz dieser Aufgaben war Henry Lohse immer bemüht, mit seinen Gemeindegliedern im Gespräch zu bleiben. Gerade auch mit den Verlierern der Wende. So wurde in der Petri-Nikolai-Gemeinde, die 1998 zur Innenstadt gemeinde vereint wurde, ein Arbeits losen-Frühstück eingerichtet. Und es kamen Menschen, die ihrem Pastor erzählen wollten, wie sie in der DDR gelitten hatten, wie sie von der Stasi eingefangen und zum Spitzeln gezwungen wurden. "Das bewegt mich heute noch, denn das sind natürlich gebrochene Biografien", sagt Lohse, der sich in Rostock von Anfang an willkommen fühlte.

Als er zu Beginn seiner Amtszeit frühmorgens im Konsum einkaufen wollte, empfing ihn ein Anwohner: "Ach. Guten Morgen, Sie haben bestimmt noch nicht gefrühstückt. Bitte, nehmen Sie ein Brötchen." Es war einer dieser kleinen Momente, die das Leben in der Altstadt ausmachen, meint Lohse. Er liebt diese überschaubare Struktur, den fast kleinstädtischen Anstrich, hat sich deshalb auch gerne ins kommunale Geschehen eingebracht. So koordinierte der Pastor viele Jahre die Kunstnacht. Dies, so Henry Lohse, sei auch für die Kirche wichtig. "Dadurch kommt sie auf den Markt, da, wo sie auch hingehört. Denn sie muss sich öffnen." Dass dies in der Innenstadtgemeinde gelingt, hört Pastor Lohse immer wieder: "Bei Euch haben wir das Gefühl, wir können uns einbringen." Großen Anteil daran, so betont Lohse, haben die 300 ehrenamt lich Tätigen der Innenstadt gemeinde sowie eine Mitarbeiterschaft, die mitzieht. "Deshalb kann ich jetzt auch gehen, hier entsteht kein Riesenloch", sagt Lohse zufrieden, der für die erste Zeit seines Ruhestandes einige Reisen plant. Als Erstes will er mit seinem Freund Jürgen Dunker, ehemaliger Diakon in Schleswig, das südliche Ostdeutschland erkunden. Und fest vorgenommen hat er sich, seine alte Praktica herauszukramen - "Ich habe früher sehr viel fotografiert, das möchte ich wiederbeleben."

Zum Abschied von Pastor Henry Lohse wird am Sonntag, 16. September, 14 Uhr, zum Gottesdienst in die Petrikirche geladen. Im Anschluss geht es mit Musik nach St. Nikolai, um Rückschau und Ausblick zu halten.