Ein Angebot des medienhaus nord
Ein Artikel der Redaktion NNN

Rostock Klicks der Wale aufgespürt

Von Reiner Frank | 14.05.2013, 06:12 Uhr

Über das Meer hallt der Baulärm von Gründungsarbeiten für einen Offshore-Windpark.

Beim Rammen der Fundamente ist Schallschutz zu gewährleisten, um Schweinswale und andere Meeressäuger nicht zu vergraulen. Unter anderem helfen Blasenschleier, die Ausbreitung des Schalls zu reduzieren. Deren Wirkung verdeutlicht Jens C. Koblitz, wissenschaftlicher Mitarbeiter im Meeresmuseum Stralsund, indem er Tonbandaufnahmen von Rammarbeiten in der Ostsee mit und ohne Schallschutz vorführt.

Die erzeugten Luftblasen, wie auch so genannte Kofferdämme, schaffen um die Schallquelle einen Luftspalt, der den Lärm deutlich abschwächt, wie der akustische Vergleich zeigt. Die Wasserbauer müssen diesen Aufwand leisten, um den Bestand der Schweinswale nicht weiter zu gefährden. Insgesamt sinkt deren Population in der Ostsee drastisch. Wurde der Bestand vor 15 Jahren noch auf insgesamt 30 000 Tiere geschätzt, sind es heute nur noch etwa 12 000 - das heißt also ein Rückgang von mehr als 60 Prozent ist zu beklagen.

Bis zu 35 Totfunde in den vergangenen drei Jahren

Wenn sich der Trend fortsetzt, so Koblitz, sind es bald nur noch 6000. Konfliktpotenziale bilden die Fischerei, die Umweltverschmutzung und die lauter gewordenen Meere durch Schiffsverkehr und Offshore-Windparks. Allein in den vergangenen drei Jahren wurden jeweils 21 bis 35 Totfunde an der Küste Mecklenburg-Vorpommerns verzeichnet.

Um sich zu orientieren, haben die Wale ein Echo-Ortungssystem entwickelt, das ihnen trotz schlechter Sicht ein Bild ihrer Umgebung liefert. Sie erzeugen durch so genannte Klicks eine Folge von kurzen Schallimpulsen. Ihr siebenter Sinn ist also die Echo-Ortung, sie hören mit dem Unterkiefer, wie es Walforscher Dr. Harald Benke, der Direktor des Meeresmuseums und Geschäftsführer des Ozeaneums in Stralsund, ausdrückt. Das Wal-Sonar funktioniert damit ähnlich wie die Navigation der Fledermäuse. Die Rüstungsindustrie hat dieses System zum Beispiel zur Ortung von U-Booten und die Fischerei zum Aufspüren von Fischschwärmen nachempfunden. Wird das System gestört, ist das Leben der Tiere gefährdet.

Noch ist die Datenlage über die Bestände in den verschiedenen Gebieten der Ostsee nicht exakt bekannt. Das Gros wird im Kattegat, in der Beltsee und in der Kieler Bucht vermutet (etwa 11 000 Tiere), kleinere Gruppen in der südwestlichen Ostsee (100 bis 400 Tiere), wobei die Darßer Schwelle eine Grenze darstellt.

Mangelndes Wissen über die Populationsgröße und das Verbreitungsgebiet der Tiere erschwert gegenwärtig noch einen effektiven Schutz. Neben Sichtungen aus der Luft und durch Sportboot-Beobachtungen wurden deshalb von der dänischen bis zur finnischen Küste Detektoren ausgebracht, um durch ein akustisches Monitoring das Wissen über die Schweinswale in der Ostsee zu erweitern. Jens Koblitz zeigt einen der so genannten Klick-Detektoren. Das sind armlange, transparente Plastikrohre mit einem Ultraschall-Mikrofon als Innenleben, das die Klicklaute der Tiere in einem Radius von bis zu 200 Metern automatisch registrieren kann. Etwa alle 20 Kilometer wurden die Messbojen in einem Raster diagonaler Linien verankert.

Nach etwa sechs Wochen werden die Daten ausgewertet, die Batterien getauscht. Die Wissenschaftler, so Koblitz, hoffen, noch in diesem Jahr für das Projekt "Sambah" die ersten Übersichten zu erhalten. Im Oktober 2014 soll das Projekt abgeschlossen sein. Die Daten werden in einer Datenbank zusammengefasst und in einer Sichtungskarte veranschaulicht. Erst jüngst veranschaulichte die Fernseh-Dokumentation "SOS - Wal in Seenot" die Bestandsermittlung der einzigen in der Ostsee lebenden Walart sowie deren Bedrohung und Maßnahmen, mit denen die Wale geschützt werden können.

Auch Wassersportler helfen dabei mit, wenn sie den Forschern mit ihren Beobachtungen wichtige Hinweise zum Bestand und Verhalten der Tiere übermitteln. Auf der Internetseite des Meeresmuseums gibt es dafür eigens ein Online-Formular. Die Meeresforscher erhoffen sich auch Einblicke in die Kinderstuben der Tiere, die nach der Anzahl der Meldungen von Seglern unter anderem im Küstengebiet von Fehmarn vermutet werden. Auf Veranstaltungen werden mögliche Schutzmaßnahmen aufgezeigt, so auch Alternativen zur Stellnetzfischerei und zur Minimierung von Baulärm. Die bedrohten Tiere werden am 19. Mai, dem internationalen Tag des Ostseeschweinswals, im Ozeaneum im besonderen Blickfeld der Öffentlichkeit stehen.