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Goalball Gold für die Mannschaft mit den stärksten Nerven

Von Peter Richter | 14.10.2019, 16:10 Uhr

Europameister Deutschland bringt auch Viertelfinal-„Wackelpudding“ gegen Griechenland mit Mentalkraft unter Kontrolle.

Der Mann lehnte sich weit aus dem Fenster, als er vor der EM verkündete, mit dem Einzug ins Finale wäre es nicht getan. Letztlich sind die deutschen Herren aber in Rostock tatsächlich Europameister im Goalball, der paralympischen Sportart für Sehbeeinträchtigte, geworden. Was die Berechtigung der öffentlich getätigten selbstbewussten Gedankengänge von Trainer Johannes Günther bestätigte.

Es war zwar nicht der größte Erfolg des deutschen Goalball (Männer wie Frauen gewannen bereits die Paralympics), aber die Herren sorgten nach Silber sowohl bei den EM 2017 als auch WM 2018 für den ersten Europameister-Titel.

Letztlich gelang ihnen ein Durchmarsch mit sieben Siegen in sieben Spielen, den Lokalmatador Reno Tiede so kommentierte: „Ob wir die besten Goalballer waren, weiß ich nicht, aber die Mannschaft mit den stärksten Nerven sind wir auf jeden Fall gewesen.“

Knackpunkt in dieser Hinsicht war das Viertelfinale gegen Griechenland. Einzig in dieser Partie lagen die Gastgeber in Rückstand (1:3 und gut drei Minuten vor Schluss noch einmal mit 3:4). Nur an diesem Freitag drohte der Traum ernsthaft zu platzen. Doch letztlich bekamen die Michael Feistle, Oliver Hörauf & Co. auch diesen „Wackelpudding“ mit Mentalkraft unter Kontrolle.

Gute Nerven waren ebenso im Halbfinale gegen Paralympics-Sieger Litauen gefragt. Hier legten die Deutschen vor (2:0, 3:2), die Osteuropäer glichen jeweils aus – Verlängerung.

Es kommt zur wohl meistdiskutierten Situation der gesamten EM: Die Overtime beginnt nicht nur zur Verblüffung der Nicht-Fachleute mit Penalty für Deutschland (den Feistle zum Golden Goal verwandelt).

Was war passiert? Mit dem Strafwurf – bei dem die verteidigende Mannschaft nur einen Akteur im neun Meter breiten Tor platzieren darf – wurde ein Regelverstoß der Litauer namens „Delay of game“ geahndet. Reno Tiede erläutert: „Es gibt im Goalball verschiedene Zeitfenster, die eingehalten werden müssen. In diesem Fall mussten die Spieler 90 Sekunden vor Beginn der Verlängerung fertig an der Torlatte stehen, ansonsten gilt das als Spielverzögerung. Und genau das ist den Litauern passiert. So etwas habe ich noch nie erlebt. Ich muss ehrlich sagen, auch wenn wir die Nutznießer waren, ein ,Protokollfehler‘ sollte nicht über Sieg oder Niederlage entscheiden. Wir hätten das gern sportlich gelöst.“

Geradezu eine Sensation war der dritte Platz der deutschen Damen, die eigentlich nur nicht absteigen wollten.

Doch dann wandelten sie im Viertelfinale gegen Griechenland ein 0:3 durch vier Treffer von Stefanie Behrens noch in ein 4:3 um und hatten im entscheidenden Spiel beim 8:2 über Großbritannien mit der siebenfachen (!) Torschützin Charlotte Hartz die Bronze-Garantin in ihren Reihen. Diese beendete in Rostock ebenso wie Behrens ihre internationale Karriere.

Thomas Prokein hört nach fast 20 Jahren als Trainer der deutschen Goalball-Damen auf: „Einen schöneren Abschluss kann es einfach nicht geben. Von uns fällt eine große Last ab. Ich verspüre eine große Zufriedenheit und habe tiefsten Respekt vor der Leistung der Mannschaft.“

Das Schlusswort gebührt Reno Tiede, der auch aus organisatorischer, aus Gastgeber-Sicht feststellen konnte: „Es hat alles gepasst, wir sind absolut zufrieden.“

Das mit 6:2 gegen die Ukraine gewonnene Finale sei der krönende Hammer gewesen: „Es war für alle ein Highlight. Diese Emotionen werden ziemlich lange anhalten und uns noch mittragen in der Vorbereitung auf die Paralympics 2020 in Tokio.“

Dort ist jetzt auch eine Medaille das Ziel.

Das war die beste EM aller Zeiten

Stimmen zur Goalball-Europameisterschaft in Rostock:

Reno Tiede, Nationalspieler aus Rostock: Wir wollten die beste Europameisterschaft aller Zeiten auf die Beine stellen. Dieses Ziel haben wir erreicht.

Johannes Günther, Trainer der deutschen Herren: Wir haben sehr akribisch gearbeitet, täglich ausführliche Videoanalysen durchgeführt und uns so professionell vorbereitet wie noch nie. Geil, dass sich das auszahlte. Die Mannschaft zeigte eine Riesenleistung. Der Support durch das Publikum war unglaublich. Was Rostock auf die Beine gestellt hat, ist der Wahnsinn.

Charlotte Hartz, Nationalspielerin aus Hamburg: Wir hatten keine gute Saison und im Vorfeld eher etwas Schiss, dass wir bei der Heim-EM versagen. Eine Medaille war absolut undenkbar – und jetzt haben wir Bronze. Das ist der Wahnsinn!

Dr. Thomas Prokein, Trainer der deutschen Damen: Das ist einfach irre. Ich bin wahnsinnig stolz auf die Mädels. Das ist unser Herbstmärchen! Es waren unglaublich emotionale Tage in Rostock.

Stephan Mayer, Parlamentarischer Staatssekretär beim Bundesminister des Innern, für Bau und Heimat: Was hier geleistet wurde, kann sich wirklich sehen lassen. Rostock war ein hervorragender EM-Gastgeber.

Dr. Karl Quade, Vizepräsident Leistungssport im Deutschen Behindertensportverband: Eine tolle und gelungene Veranstaltung. Die Athletinnen und Athleten haben mit beeindruckenden Leistungen in einer faszinierenden Sportart begeistert.