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Norddeutsche Neueste Nachrichten Mir war zum Weinen

Von Susi Lux | 01.11.2012, 08:00 Uhr

Mein Name ist Susi Lux.

Ich bin in Rostock aufgewachsen und habe im Mai 1995 die Hansestadt verlassen, um in der Karibik zu leben. Nach fünf Jahren Abenteuerleben auf einem Fischkutter – sein Name war „Mulde“ und er stammte aus alten DDR-Beständen – drei Jahren Inselleben auf Saint Martin, verschlug es mich in die große aufregende Stadt New York.

Mit meinem Mann und meinen Jungs Oscar (7) und Lux (5) wohne ich seit drei Jahren im Financial Distrikt in der Nähe von der Wallstreet. Wir alle haben schlimme Tage hinter uns, seit am Dienstagabend um 19 Uhr auch uns der unglaublich erschreckende Hurrikan „Sandy“ erwischte. Wir alle waren jedoch darauf vorbereitet. Unseren Kühlschrank hatten wir mit Lebensmitteln bepackt, Taschenlampen und Batterien lagen bereit, Kerzen wurden gekauft und Unmengen an Wasser in Flaschen gefüllt. Denn zuvor wurden wir gewarnt, dass die Elektrizität ausfallen wird.

Wir wohnen im 23 Stock und eines unserer ersten Probleme war, dass der Fahrstuhl schon am Montag morgen nicht mehr fuhr. Am Sonntag erreichte uns bereits die Nachricht, dass die Schulen geschlossen werden. So hatten wir den ganzen Montag vor uns. Ich lud unseren Sohn unseres Nachbarn Dylan zu uns ein. Die Kinder spielten den ganzen Tag zusammen und ich vertrieb mir die Zeit mit Dylans Mutter. Ständig sahen wir die Nachrichten im Fernsehen, um auf dem Laufenden zu sein. Wir liefen die Treppen – wie erwähnt 23 Stockwerke – einmal hoch und runter, joggten für 30 Minuten zum Battery Park, um zu sehen, wie hoch der Hudson River schon angestiegen war. Dabei bemerkten wir, dass kaum noch Leute auf den Straßen waren. Alle Läden hatten geschlossen, sogar McDonalds. Das war gegen 12 Uhr mittags.

Zu Hause angekommen mussten wir uns mit einer kalten Dusche begnügen. Später bereitete ich unser Abendessen vor, das wir mit unseren Nachbarn um 18 Uhr geplant hatten. Wir wollten gemeinsam auf den kommenden Sturm blicken, denn wir haben aus unserer Wohnung einen tollen Blick zum East River. Als wir am Esstisch saßen, rief ein Freund an, um uns zu warnen, dass der Strom in einer Stunde abgestellt wir. So ließ ich dann gleich unsere zwei Badewannen mit Wasser voll laufen, versuchte alle Telefone und iPads aufzuladen. Um 18.45 Uhr war der Strom weg. Schnell holte ich all die vorbereiteten Kerzenständer und wir verfolgten aufgeregt den Hurricane. Denn nun ging es richtig los mit unheimlichen Regenschauern. Unglaublich mit welcher Macht und Intensität das Wasser über die Straßen und an die Häuser peitschte. Geregnet hatte es schon seit mehreren Stunden. Aber durch die Geschwindigkeit des Windes hörte sich der Aufprall des Regens erschreckend an.

Leider war es schon dunkel, sodass wir nicht so viel sehen konnten. Was wir aber sahen, war sehr beunruhigend und angsteinflößend: Die Bäume bogen sich fast bis zum Boden. Das Wasser, was nun vom East River überschwappte, überflutete die Straßen bis zu unserem Haus – an manchen Stellen höher als ein Meter. Es waren unglaubliche Bilder. Wir erlebten, wie Autos in einem Fluss davontrieben und Sachen in der Luft herumwirbelten.

Um 19.30 Uhr gingen wir zu Bett. Wir kuschelten uns alle zusammen im Doppelstockbett der Kinder. Denn das Kinderzimmer war am geschütztesten von all unseren Räumen. Natürlich wachte ich mehrere Male auf in der Nacht auf, weil der Sturm sich ungeheuerlich anhörte. Zum Glück wusste ich, dass unsere Fenster Hurricane-sicher sind. Trotzdem machten mir die lauten Geräusche unendliche Angst. Mir war zum Weinen.
Als ich dann am Morgen aufwachte, war das Wasser von den Straßen wieder verschwunden, aber was zurückgeblieben ist, ist ein Schlachtfeld der Verwüstung. Die Schäden sind einfach unglaublich. Ich habe keine Ahnung, wie lange es dauern wird, das alles wieder aufzuräumen und zu reparieren. Wir sind sprachlos. Strom gibt es nach wie vor nicht. Vier bis fünf Tage könnte es dauern, sagt man. Unser Fitness-Center ist auch unter Wasser, viele mit Autos vollgepackte Garagen sind überflutet und alle Fahrzeuge demoliert. Unter anderem habe ich gehört, dass in einigen Krankenhäusern die Generatoren ausgefallen sind – eine Katastrophe. Ich kann mich glücklich schätzen, dass meine Familie keinen Schaden davontrug. Aber ich muss immer an all die Leute denken, die es schwer getroffen hat. Dies war auf jeden Fall einer der größten Stürme, die New York je erlebt hat.

Vielen Dank an alle Menschen in Rostock, die in den vergangenen Tagen in Gedanken bei uns gewesen sind. Ich grüße meine Heimatstadt.