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Rostock Mit dem Logger in die Barentssee

Von Reiner Frank | 14.04.2010, 01:57 Uhr

Wenn am 24.

April der Fischereistandort Marienehe sein 60-jähriges Bestehen feiert, soll nicht vergessen werden, dass vor 55 Jahren in Warnemünde auch die Geburtsstunde der ersten Fischerei-Produktionsgenossenschaft (FPG) schlug. Es war im Frühjahr 1955. Vor dem "Seehund" am Alten Strom spielte eine Blaskapelle auf. Musikalischer Gruß für die aus Sassnitz kommenden ersten 17-Meter-Kutter der wenige Wochen zuvor, am 30. Januar gegründeten FPG "John Schehr". Der heute in der Angel- und Seetouristik immer noch aktive Fischer Karl-Heinz Ruschau (77) erinnert daran.

Der gebürtige Warnemünder hatte in den Nachkriegsjahren bei seinem Großvater Hermann Ruschau auf dessen 10-Meter-Kutter "Hertha" und in der Fischereischule im Haus Stolteraa den Beruf des Fischers erlernt, um 1950 dem Ruf des neugegründeten Fischkombinates zu folgen. Als Netzmacher und Bestmann fuhr er mit ROS 18 "Solidarität", einem der ersten Stralsunder Logger, hinaus zu den Fischgründen. Die Logger machten damals noch am Kabutzenhof und in Bramow fest, der Bau des Kombinates steckte noch in den Kinderschuhen. "Unser Kurs geht nach Norden in die Barentssee...", summt der Fischer eine bekannte Melodie jener Zeit und erinnert sich: "Unter Kapitän ,Otsche Schill wurde gutes Geld verdient. Neben der Grundheuer bekamen wir Prozente, für jeden Korb Fisch eine Mark."

Nach dem Kapitel Hochseefischerei musterte der junge Mann beim Warnemünder Fischer Hermann Hahn an, wurde dessen Steuermann. Als der 1956 über Nacht mit seinem Kutter gen Westen abdampfte, stand er plötzlich ohne Schiff da. Bei der gerade entstandenen Fischereifahrzeug und -gerätestation (FGS), die ähnlich den MAS (Maschinen-Ausleihstationen) auf dem Lande den Genossenschaften Kutter und Fanggeräte zur Verfügung stellte, fing er als Netzmacher an. In Greifswald gebaute 12-Meter-Kutter bildeten den Grundstock zur Bildung der FPG "III. Parteikonferenz". Karl-Heinz Ruschau durfte einen der Kutter führen, wurde bis zur Fusion mit der FPG "Ostsee" 1960, einer weiteren inzwischen gegründeten Genossenschaft, deren Vorsitzender.

Sechs Jahre später dann der Zusammenschluss zur großen FPG Warnemünde. 360 Mitglieder, allein 110 Fischer, gehören in der Blütezeit zu ihr. An der Mittelmole wuchs ihre materielle Basis, am Südende des Alten Stroms Ende der 80er-Jahre ihre Marinadenproduktion, die international keinen Vergleich scheuen musste. "Keine schlechte Zeit für uns Fischer", betont Ruschau. Während Genossenschaften wie die in Freest und Stralsund überlebten, kam nach der Wende für die FPG Warnemünde das Aus. Nur noch eine Hand voll Warnemünder Berufsfischer setzt seitdem privat die Tradition fort. Einige Fischkutter bestimmen zwar noch weiterhin die Szenerie des Alten Stroms. Ein Teil von ihnen dient aber nur noch der Angel- und Seetouristik. In ihren Dienst stellt sich ein- bis zweimal in der Woche auf dem 24-Meter-Kutter "Zufriedenheit" auch heute noch Karl-Heinz Ruschau.

Erst am vergangenen Wochenende ist er wieder mit Anglern hinaus auf See gefahren. Nach über 60 Jahren Arbeit als Fischer kann er es immer noch nicht ganz lassen und ist mit seinem kleinen Boot "Butt" auch allein hin und wieder dem Silber des Meeres auf der Spur. Um die Bewahrung der Traditionen bemüht, gibt er auch Einblicke in die handwerklichen Fertigkeiten des Fischerberufs, zeigte so beispielsweise bei Veranstaltungen im Museum, wie Netze geflickt werden.

Über sein volles, vom Wetter gegerbtes Gesicht mit den klaren blauen Augen zieht ein Lächeln, wenn er gedanklich eigenes Erleben Revue passieren lässt. Von einem ein vier bis fünf Meter langen tonnenschweren Hai ist so die Rede, der den Fischern einmal ins Netz ging. Die ersten grauen Haare wuchsen dem Warnemünder, als Sturmböen die Fischer vor Darßer Ort überraschten, auf dem 12-Meter-Kutter "Barhöft" der Ruderschaft brach und das Schiff manövrierunfähig in Seenot geriet. Der Fischer zählt die Kutter auf, die er in all den Jahren führte. So auch WAR 52 "Born", sein vielleicht liebstes Schiff, mit dem er die besten Fangergebnisse erbrachte. Acht Jahre, so belegen seine Seefahrtsbücher, war WAR 48 "Ueckermünde" sein Stammschiff, das er wegen des damaligen Anstrichs auch als "schwarze Galeere" bezeichnete. Jetzt ist es ein alter umgebauter Seekriegskutter, mit dem er für touristische Anglerfreuden sorgt.

1988 war der damals dienstälteste Warnemünder Fischer auch bei schottischen Filmemachern gefragt, die eine Dokumentation über die Deutschen drehten. Da er kein Reisekader war, durfte er der Einladung nach Schottland aber nicht folgen. Er wurde von seinen Personalchefs krank gemeldet. Als die Briten später in Warnemünde drehten, kamen sie mit Blumen zum vermeintlich Kranken und der Schwindel flog auf. Gedreht wurde für die deutsch-englische Filmproduktion über den Warnemünder Fischer nun an Land und auf dem Kutter vor heimischer Küste.

Wenn sich am 24. April die Fischer in Marienehe ein Stelldichein geben, wird so manche Episode in der alten Fischhalle die Runde machen. Karl-Heinz Ruschau wird sowohl von den Anfängen der Hochseefischerei als auch über das Kapitel FPG berichten können. Und als i-Tüpfelchen über die See- und Angeltouristik.