Ein Angebot des medienhaus nord
Ein Artikel der Redaktion NNN

Stadtmitte Mühlentor Am Bagehl wiederentdeckt

Von Nicole Pätzold | 02.05.2013, 08:43 Uhr

Klammerförmig und akkurat angeordnet liegen riesige Feldsteine in einer Baugrube Am Bagehl.

Es sind Überreste des Mühlentores, eines der sieben Landtore Rostocks. Schon 1268 war das Tor erstmals in Aufzeichnungen der Stadt erwähnt worden. Jetzt ist es wieder aufgetaucht: Am Montag wurde es bei den Bauarbeiten im Zusammenhang mit der Restaurierung rund um die Nikolaikirche freigelegt.

"Wir haben gehofft, das Mühlentor zu finden, aber wie viel davon noch erhalten ist, wussten wir nicht", sagt Ralf Mulsow, Stadtarchäologe vom Amt für Kultur- und Denkmalpflege. Seine Erwartungen wurden nicht enttäuscht. Der westliche Flügel wurde in seinem Fundament freigelegt, ist gut erhalten. Der östliche befindet sich wahrscheinlich unter dem Gehweg und einer Häuserreihe. Teile davon müssten bei den weiteren Bauarbeiten, den Erneuerungen fast sämtlicher Versorgungsleitungen in der Straße, wieder zum Vorschein kommen, so Mulsow.

Zurzeit laufen Vorarbeiten für eine Grundrisszeichnung im Maßstab 1:20. Grabungsleiterin Marlies Konze vom Landesamt für Kultur- und Denkmalpflege und ihr Kollege Jörg Redlin legen dafür die Profile frei, messen und zeichnen jeden einzelnen Stein. So entsteht nach und nach ein detailliertes Bild davon, wie das Mühlentor aussah: Das Fundament und der Sockel bestanden aus Feldsteinen, darauf war das eigentliche Gebäude aus Backsteinen gebaut. Wie beim Kröpeliner Tor sollten die Feldsteine noch etwas hervorschauen. Das Tor war etwa zehn mal zehn Meter groß mit einem schmaleren spitzbogigen Durchgang für den Handel. In seiner Höhe kommt es dem wenige Meter entfernten Kuhtor nahe und in der Form seiner Haube dem Steintor.

Unter den noch vorhandenen Feldsteinen, so vermuten die Denkmalschützer, wird sich noch ein hölzernes Fundament befinden, das bei dem schlechten Boden nötig war, um das Tor zu stabilisieren. Auch kleine Schätze aus dem Mittelalter wie Münzen könnten noch gefunden werden, hofft Grabungsarbeiter Redlin. Er wird mit dem Metalldetektor auf die Suche gehen. Alle Funde auf der Baustelle in der Rostocker Altstadt werden genau dokumentiert. Die Unterlagen über das mittelalterliche Tor werden im Landesamt und in Kopie auch in der städtischen Behörde für Kultur- und Denkmalpflege hinterlegt - so soll ein weiterer Teil der baulichen Stadtgeschichte für die Nachwelt festgehalten werden.

Die Hintergründe zu Entstehung und Abriss des Mühlentors sind bereits gut erforscht. Es bestand bis 1801, wurde nachts zum Schutz der Stadt geschlossen. Östlich vom Tor stand ein Häuschen, von dem aus der Torschreiber, der städtische Steuereinnehmer, die Ein- und Ausfahrten kontrollierte. Vorwiegend wurden Mehl und Malz für die Bierherstellung eingeführt. 1801 hatte dann der wohlhabende Kaufmann Peter Burchard mit der Straße Am Bagehl andere Pläne. Der Durchgang war ihm mit 3,80 Metern zu schmal. Er wollte ihn auf 5,15 Meter ausdehnen und ließ das Mühlentor abreißen. Da er zusätzlich vier Grundstücke Am Bagehl erwarb, vermutet Stadtarchäologe Mulsow, dass der Kaufmann dort seinen Handel erweitern wollte. Er besaß auch eine Reederei, eine Werft und eine Zuckerfabrik.

Vom Mühlentor gibt es keine Pläne mehr, es ist nur noch auf Abbildungen von Wenzel Hollar und Zacharias Voigt zu sehen. Allerdings liegen noch die Bauzeichnungen vor, die der Kaufmann Burchard 1801 bei der Stadt einreichte. "Anstelle des Tores musste eine neue Anlage entstehen, weil die Stadt ja weiterhin nachts abgesperrt wurde", sagt Mulsow. Ein klassizistischer Durchgang mit zwei Pfeilern entstand. 1883 wurde schließlich auch dieser abgerissen. Das Deutsche Reich war entstanden und die steuerliche Selbstverwaltung hinfällig. Rostock brauchte dort kein Stadttor mehr.