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Persönlichkeiten aus MV „Mutter der Demokratie“ wird 80

Von Katrin Zimmer | 23.12.2017, 16:00 Uhr

Dietlind Glüer gilt als Mitbegründerin der Südstadtgemeinde in Rostock und des Neuen Forums in der DDR. Heute feiert die Gemeindepädagogin Geburtstag

In Aufbruchstimmung ist Dietlind Glüer heute nicht mehr, sagt sie. Dabei nutzt sie die Vokabel, wenn sie in die Vergangenheit blickt. Die Rostockerin hat 1967 die Südstadtgemeinde mitbegründet und in der Wendezeit das Neue Forum. Bundespräsident Roman Herzog hat ihr 1995 das Bundesverdienstkreuz verliehen und Bischof Andreas von Maltzahn 2013 die Bugenhagen-Medaille. Heute feiert Dietlind Glüer ihren 80. Geburtstag.

Obwohl ihre Vita revolutionäre Meilensteine für Kirche und Politik in Rostock enthält sowie Auszeichnungen höchster Güte, zeigt sich die Frau bescheiden: „Natürlich ist es eine Ehre, so eine Anerkennung zu erhalten“, sagt Glüer. „Aber wissen Sie, die bekommt man immer nur stellvertretend für viele andere, die mit aktiv waren – ob in der Gemeinde oder politisch“, sagt die Rentnerin über ihr gespaltenes Verhältnis zu den Auszeichnungen.

Ohne den damaligen Pastor Heinrich Rathke hätte sie es nie schaffen können, 1967 die Südstadtgemeinde aufzubauen. „Es war nicht leicht in der DDR Kirche zu machen, das war ja nicht staatskonform“, sagt die gelernte Gemeindepädagogin. „Wir durften nicht bauen. Es wurde verboten, den Gemeindebrief zu drucken. Den haben wir dann selbst vervielfältigt und verteilt – das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen“, erinnert sich die 80-Jährige schmunzelnd. Sie seien von Tür zu Tür gezogen, um Mitstreiter zu finden. Bis sich ein Kern von 40 Leuten gefunden hatte, die sich wegen des Bauverbots zunächst in einem alten Zirkuswagen auf dem Grundstück Am Pulverturm zum Gottesdienst trafen. „Es herrschte richtige Aufbruchstimmung in dem kleinen Wagen“, schaut Glüer zurück. Ihren Ruf als Revoluzzerin hat die engagierte Frau 20 Jahre später erneut bestätigt, als sie zu den Mitbegründern der Bürgerbewegung Neues Forum in Rostock zählte. „Durch die Gemeindearbeit war ich stets informiert, was die Menschen bewegt, was ihrer Meinung nach falsch lief“, resümiert Glüer. Ob der Unmut über fehlende Reisefreiheit, das Einparteiensystem, die Bevormundung durch den Staat und den Mangel an Konsumgütern: „Die Leute waren sich einig, wir müssen was tun“, erinnert sich die „Mutter der Demokratie in Rostock“ , wie sie bei der Verleihung des Bundesverdienstkreuzes betitelt wurde. Viele Studenten und junge Familien trafen sich in der Michaeliskirche, um zu sondieren, wie sie ihre politischen Interessen durchbringen könnten. Mit dabei waren auch der spätere Bundespräsident Joachim Gauck, der in Andachten politische Themen aufgriff, und der 2015 verstorbene Christoph Kleemann, der 1989 den Posten als Oberbürgermeister übernahm und Rostock auf den Weg zu freien Wahlen brachte.

Heute wünscht sich Glüer einen Aufbruch in Sachen Integration. „Die Leute, die zu uns kommen, sind mitunter hervorragend ausgebildet – ich kenne einen, der ist Zahnarzt. Jetzt muss er wieder ganz von vorne anfangen, weil seine Abschlüsse nicht anerkannt werden“, so die Pädagogin. Es gebe kein fertiges Konzept – „Integration muss zuende gedacht und richtig gemacht werden“, sagt die Trägerin des Bundesverdienstkreuzes erster Klasse. Ihren Geburtstag feiert sie heute mit der Familie und Freunden.