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Rostock Naturschützer sind gegen den Hafenausbau

Von Torben Hinz | 18.01.2018, 05:00 Uhr

Erweiterung um 300 Hektar geplant. Biologen befürchten unwiederbringlichen Verlust gefährdeter Arten. Amt erstellt Fachgutachten. #wirkoennenrichtig

Naturschützer der Hansestadt stellen die Notwendigkeit und Umsetzung einer massiven Hafenerweiterung in Frage. „Aus meiner Sicht ist die Datengrundlage unsicher“, sagt Joachim Schmidt vom Institut für Biowissenschaften, der gestern im Unihauptgebäude einen Vortrag zum Thema hielt. „Die Frage ist: Will man alle Gesichtspunkte sehen?“, sagt er vor dem Hintergrund früherer Erfahrungen. So seien bei der Prüfung vor der Erweiterung um Pier III wichtige Pflanzen nicht erfasst und die Zahl der Zug- und Rastvögel zum Teil um das Zehnfache unterschätzt worden. Ähnliches befürchtet er vor dem jetzt geplanten, viel umfassenderen Ausbau.

Unter anderem soll dafür der Peezer Bach nach Norden verschoben und der östliche Breitling ausgebaggert sowie zur Kaikante werden. Damit „hätten wir einen Totalverlust einer einzigartigen Landschaft“, so der Biologe. Der letzte verbliebene Lebensraum extrem gefährdeter und geschützter Arten wie Fischotter, Blaukehlchen, Echter Selleri oder Salz-Laufkäfer würde verschwinden. Andere Lagunen- und Küstenüberflutungsbereiche beziehungsweise -moore seien längst überbaut – in der Form aber an der gesamten Ostsee kein zweites Mal zu finden. „Der Naturschutz muss zwangsläufig mit der Hafenplanung, so wie sie jetzt läuft, kollidieren“, sagt Schmidt. Dabei seien schon frühere Prognosen zu Güterumschlag und Arbeitsplatzentwicklung nicht eingetroffen.

Rostock Port-Geschäftsführer Jens A. Scharner betont: „Wir haben von Anfang an gesagt, intensive Flächennutzung hat Vorrang vor extensiver.“ Es handle sich um einen politischen und gesellschaftlichen Abwägungsprozess. Dabei müsse die Konsens-Suche im Vordergrund stehen.

Das Amt für Raumordnung und Landesplanung erstellt derzeit ein Gutachten für die Erweiterung im Ost- und Westteil. Am Ende könnte der Hafen von 750 Hektar auf rund 1050 Hektar wachsen, so Amtsleiter Gerd Schäde. Mitte des Jahres sei der Beschluss zum Entwurf möglich, dann würde eine zweistufige Beteiligungsphase folgen. „Das ganze Prozedere dauert noch mindestens fünf Jahre“, so Schäde. Im Ausnahmefall sei eine vorgezogene Bauleitplanung aber denkbar.

Kommentar von Torben Hinz: Kaum aufzuhalten
Mit ihrem Kampf für den Erhalt des Flachwasser-Breitlings stehen die Naturschützer vor einer schier unlösbaren Aufgabe. Denn schon heute ist klar: Eine Hafenerweiterung ist mindestens politisch gewollt. Das haben sowohl Landesregierung als auch eine große Bürgerschaftsmehrheit schon früher deutlich gemacht. Damit blieben wohl nur zwei Wege, um den Hafenausbau zu verhindern. Der eine wäre massiver gesellschaftlicher Druck – aber ob sich so viele Rostocker für die Belange des Salz-Laufkäfers erwärmen können, ist mehr als fraglich – zumal in der Abwägung gegen Arbeitsplätze. Der andere Weg wäre, das immer wieder prognostizierte Wachstum des Hafens als unhaltbar zu widerlegen. Auch das dürfte schwer umzusetzen sein, da die Zahlen sich auf die Zukunft beziehen. Sobald alle menschlichen Bewohner die Erweiterungsgebiete verlassen haben, wird der Ausbau daher mit hoher Wahrscheinlichkeit umgesetzt. So eine Schlamperei wie sie nach Naturschützer-Auffassung beim Pier III geschehen ist, dürfte sich dabei aber nicht wiederholen.