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NNN historisch Ein Schmuckstück mit Rostocker Greif

Von Horst Prignitz | 26.11.2018, 09:22 Uhr

Der Bau des Fünfgiebelhauses: Ein Plattenbau von ungewohnter Qualität.

Ende April 1942 wurde die Häuserzeile an der Nordseite des Universitätsplatzes (unter anderem mit der Redaktion des „Rostocker Anzeigers“ und der Brunnengräberischen Apotheke) durch Bomben zerstört. Ein im Jahr darauf errichteter Barackenbau nahm mehr als vier Jahrzehnte ihren Platz ein. Verschwinden sollte das Provisorium schon wesentlich früher.

Bereits am 18. Juli 1965 schrieb der Architekt Hartmut Colden in einer Tageszeitung, 1965 werde die Baracke einem Neubau gewichen sein. Doch nichts geschah. Wieder auf die Tagesordnung kam das Thema als 1968/70 nicht nur für Rostock, sondern auch für andere Großstädte, der Bau „sozialistischer Stadtzentren“ in den Mittelpunkt aller Planungen geriet. Am 10. Februar 1969 hieß es in einer Rostocker Zeitung: „Die Bebauung am Universitätsplatz wird als einheitlicher Handelskomplex für die Warenhäuser Centrum (heute Galeria Kaufhof) und „Konsument“ angelegt. Büro- und Verkaufsräume sowie Gaststättenplätze komplettieren die Kröpeliner Straße als Ensemble durch die Schließung der Baulücke.“

Nach dem „Aus“ für die völlig überdimensionierten und die Wirtschaftskraft der DDR weit überschätzenden Plänen, zu denen auch der Bau einer Brücke über die Warnow gehörte, war das Thema Barackenabriss wieder einmal vom Tisch. Am 12. Januar 1981 beschloss der Rostocker Rat schließlich die Aufgabenstellung für den Wohnungs- und Gesellschaftbau am Universitätsplatz. Geplant waren 140 bis 150 Wohnungen, Geschäfte, ein Jugendklub mit Bowlingbahn und ... ein öffentliches WC. Die Gesamtkosten wurden mit 26 Millionen Mark veranschlagt.

Vorrang: Wohnungsbau in der Nördlichen AltstadtZwar hatten die NNN schon einige Tage zuvor geschrieben, in diesem Jahr werde „mit der Bebauung der Nordseite des Universitätsplatzes begonnen“, doch die Zeit für das Fünfgiebelhaus war noch nicht gekommen. Der Wohnungsbau in der Nördlichen Altstadt erhielt den Vorrang. Erst einige Tage nach der dortigen Grundsteinlegung wurde am 20. Dezember 1983 der Barackenkomplex geschlossen. Am Tag darauf hieß es in den NNN: „In Anlehnung an die Grundformen des hansischen Backsteinbaus entstehen fünf siebengeschossige Giebelhäuser, die der Höhe der Ecklösung Breite Straße entsprechen, und zwei Eckbauten.“ Das Barackenmaterial „wird dem VEB Gebäudewirtschaft zur Wiederverwendung zugeführt“.

Anfang Januar 1984 wurde das Baugelände eingezäunt und mit dem Abbruch und der Beseitigung der alten Fundamente begonnen. Die schwierige Arbeit übernahmen der VEB Meliorationskombinat Rostock (Betriebsteil Bad Doberan) und der VEB Tiefbau Rostock. Die Gründungsarbeiten nahmen im Mai ihren Anfang. Im Spätherbst waren dann die ersten Konturen des Neubaus sichtbar. Keller-, Erd- und Zwischengeschoss entstanden in monolithischer Bauweise aus Stahlbeton und Mauerwerk. Die Plattenmontage (mit Sonderelementen für die Fassaden) begann im Frühjahr 1985. Mehrfach berichteten die NNN über die einzelnen Phasen des Baugeschehens.

44 Jahre nach Zerstörung der Rostocker InnenstadtSo am 26. Oktober 1984 über den Einsatz eines aus der BRD importierten Liebherr-Kletterkranes, der auch für den Bau des 23-geschossigen Wohnhauses in der August-Bebel-Straße benutzt worden war. Am 23. September 1985 über die Tätigkeit der Fachleute der PGH „Dach“ und am 20. Februar hieß es dann, am Fünfgiebelhaus falle Gerüst um Gerüst. Mitte April 1986 verschwand der Bauzaun, und am 25. April wurde der Rostocker Greif montiert. Feierliche Übergabe dann am Tag darauf. Ausführlicher NNN-Bericht am 28. April: „In Anwesenheit des 1. Sekretärs der SED-Bezirksleitung, Ernst Tisch, überreichte Produktionsbereichsleiter Emil Kallies am Sonnabend - genau 44 Jahre nach der Zerstörung der Rostocker Innenstadt im Zweiten Weltkrieg - den symbolischen Schlüssel an Oberbürgermeister Henning Schleiff.

Läden wie „Pinselbütt“ & „Tüdelkram“ zogen einEntstanden waren 143 Wohnungen (darunter Maisonette-Wohnungen in den Giebeln), fünf Gaststätten, sieben Läden am Universitätsplatz, die so schöne Namen trugen wie „Pinselbütt“ (Schreibwaren und Künstlerbedarf) oder „Tüdelkram“ (Kurzwaren) und eine Buchhandlung im Eckbau Pädagogienstraße. Zu der verschworenen Gemeinschaft, die sich um den Bau dieses Kleinods verdient gemacht hatten, gehörten auch die Innenarchitektinnen Helga Krause und Heidrun Walter sowie Künstler wie Reinhard Dietrich, Jo Jastram, Lothar Sell, Karlheinz Kuhn, Wolfgang Friedrich und Peter Schilling.