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Trotz Kälte Obdachlose in Rostock gut versorgt

Von CLLA | 09.01.2018, 21:00 Uhr

Immer freie Schlafplätze in Nachtasylen vorhanden. Ausgaben der Stadt steigen #wirkoennenrichtig

Raureif auf den Dächern und Wegen, Autoscheiben und Straßenbahnleitungen vereisen – seit Montag hält die Kälte Rostock fest im Griff. Doch was ist mit den Menschen, die sich bei Minusgraden nicht auf ein beheiztes Büro oder eine warme Wohnung freuen können, weil sie obdachlos sind? „In Rostock muss niemand auf der Straße leben, es gibt genügend Plätze für alle“, sagt Hartwig Vogt. Er leitet seit 2009 das Integrative Betreuungszentrum (IBZ) der Stadtmission im Hawermannweg und kennt sowohl die Betroffenen und ihre Schicksale als auch die Angebote für Menschen in Not.

Zu den Einrichtungen der Stadtmission, die sich als einer von drei Trägern in Rostock um die Hilfe für Wohnungs- und Obdachlose kümmert, zählt auch das Nachtasyl. „Für Frauen haben wir fünf Plätze im Hawermannweg, für Männer 25 Am Güterbahnhof. Bei den Frauen sind aktuell sogar sechs Plätze dauerhaft belegt, aber wir hätten notfalls auch noch ein siebtes Bett und weisen niemanden ab“, sagt der 56-Jährige. Die Schlafplätze samt Duschen und der Möglichkeit, Kleidung zu waschen, sind von 18 bis 7 Uhr geöffnet. Aber auch tagsüber müsse sich niemand bei diesen Temperaturen dauerhaft im Freien aufhalten. In der Budapester Straße betreibt die Volkssolidarität von montags bis freitags die Begegnungsstätte Bahnsteig 1, die auch einen Mittagstisch anbietet. „An den Wochenenden sowie Feiertagen gibt es dann noch unser Winterstübchen Am Güterbahnhof“, sagt Vogt.

Die Einrichtung sei auf Bestreben der Stadt entstanden, als es in den Wintern 2012 und 2013 jeweils einen Kältetoten unter den Obdachlosen zu beklagen gab – „das lag aber nicht am Mangel von Angeboten“, betont Vogt. Das Winterstübchen sollte dennoch dafür sorgen, die Zeiten abzudecken, in denen der Bahnsteig 1 geschlossen ist. „Das Angebot gilt von Anfang November bis Ende März, wir hatten aber auch schon mal bis Mitte April auf, als der Winter lang dauerte“, erzählt der IBZ-Leiter. Außerdem sei der Kältebus der Obdachlosenhilfe unterwegs, der sich um die Betreuung der Menschen vor Ort auf der Straße kümmert.

Vogt nennt das Angebot für die Wohnungslosen der Stadt „beispielhaft“. Ähnlich sieht es Sozialsenator Steffen Bockhahn (Linke): „Wir haben ausreichend Kapazitäten in der Stadt.“ Im vergangenen Jahr habe Rostock 1,175 Millionen Euro für die Träger der Wohnungslosenhilfe ausgegeben. 2018 soll es mehr werden – geplant sind 1,285 Millionen Euro. Die Zusatzausgaben seien Bockhahn zufolge aber nicht mit wachsendem Bedarf, sondern mit allgemeinen Kostensteigerungen begründet.

Kommentar von Claudia Labude-Gericke: Bitte weiter hinsehen!
Obdachlosigkeit ist ein gesellschaftliches Problem – und wird doch oft ignoriert. Dass es in Rostock nur wenige Betroffene gibt, die  in mehrfacher Hinsicht ein Schattendasein führen,  macht das Wegsehen für alle anderen noch leichter. Es zu tun, ist dennoch falsch. Denn der soziale Abstieg kann schnell gehen: Jobverlust, Trennung vom Partner, Schulden... Niemand ist davor gefeit, in eine Schieflage zu geraten, die dramatische Konsequenzen haben kann. Umso besser, dass die zuständigen Träger nicht nur helfen, wenn es zu spät ist. Sondern zum Beispiel, wie im Fall der Stadtmission,  durch gezielte Beratung auch vorbeugend daran arbeiten, drohenden Wohnungsverlust abzuwenden. Der Rostocker Mietmarkt  ist so angespannt, dass es für Menschen, die vorher obdach- oder wohnungslos waren, fast aussichtslos ist, wieder in eigene vier Wände zurückzukehren. Dabei ist ein sicheres Zuhauses die Grundlage für eine aussichtsreiche Lebensperspektive und einen stabilen Platz in der Gesellschaft.