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10-Punkte-Plan gegen Unterrichtsausfall Ohne Lehramt vor die Klasse

Von Marlis Tautz | 29.05.2012, 07:49 Uhr

Mit zusätzlichen Lehrerstellen an Grundschulen und Ideen für eine effektivere Schulorganisation will Bildungsminister Mathias Brodkorb (SPD) gegen Stundenausfall und unbefriedigenden Vertretungsunterricht vorgehen.

Mit zusätzlichen Lehrerstellen an Grundschulen und Ideen für eine effektivere Schulorganisation will Bildungsminister Mathias Brodkorb (SPD) gegen Stundenausfall und unbefriedigenden Vertretungsunterricht vorgehen. Gestern stellte er in Schwerin ein 10-Punkte-Pro gramm vor. Erstmals werden demnach zum kommenden Schuljahr landesweit 20 Stellen für Vertretungslehrer an Grundschulen ausgeschrieben - unbefristet. Bewerber stehen vor der Aufgabe, von einer Stammschule aus Vertretungseinsätze in der Region zu leisten. Rund 1,3 Millionen Euro hat der Minister dafür vorgesehen, er will sie im Schul-Etat seines Hauses auftreiben und das Budget für Vertretungsunterricht so von 7,5 auf 8,8 Millionen Euro pro Schuljahr erhöhen.

Zudem wendet sich Mathias Brodkorb an alle ehemaligen Lehrkräfte im Land mit der Bitte, Unterricht an Grundschulen zu vertreten. Sie würden bei Bedarf gefragt und aus dem Vertretungsbudget vergütet. Das gilt ebenfalls für externe Vertretungskräfte, die nach dem Vorbild des Bundeslandes Hessen rekrutiert werden sollen. Lehramtsstudenten kommen dafür ebenso in Betracht wie Lehramtsabsolventen, die es in andere Berufe verschlagen hat. Oder Menschen mit Studien- wie Berufsabschlüssen ganz ohne Lehrbefähigung, sofern sie "geeignet sind, Unterricht zu erteilen". Sogar die eigene Behörde, Arbeitgeber einer stattlichen Zahl ausgebildeter Pädagogen, hat der Minister bei seiner Werbung im Blick. Voraussetzung sei aber, so Brodkorb, die Zustimmung des Lehrerhauptpersonalrates. "Die Maßnahmen sind ein Einstieg, mit der Option, sie in den nächsten Jahren fortzuschreiben", sagte er. Nach dem Test an Grundschulen seien ab 2013/14 die weiterführenden Schulen an der Reihe.

An alle Schulen und Schulämter richten sich Vorschläge zur Verbesserung der Schulorganisation. So sollen Weiterbildungen und Dienstberatungen außerhalb der Unterrichtszeiten erfolgen sowie Projekttage und Sportfeste mehr unter dem Aspekt der Unterrichtsversorgung geplant werden. Zudem gilt es, Lehrerkollegien von Prüfungsaufgaben zu entlasten. "Warum beispielsweise müssen in den Staatsexamensprüfungen von Referendaren fünf Lehrer sitzen", fragt Brodkorb. Er will solche Ideen nicht als bloße Anregung verstanden wissen. "Äußerst stringent" werde beispielsweise darauf gedrungen, künftig mindestens einen Wandertag pro Schuljahr auf einen Termin zu legen.

Nicht zuletzt strebt der Minister ein Programm zur Lehrergesundheit an, um der Hauptursache von Ausfall und Vertretungsunterricht, dem Krankenstand, entgegenzuwirken. Es sei die "größte Herausforderung" und ein langfristiges Vorhaben für die rund 12 000 Beschäftigten des Bildungsministeriums.

Für das vergangene Schulhalbjahr beziffert Mathias Brodkorb die durchschnittliche Ausfallquote in allen Schularten mit 2,1 Prozent, weitere 9,6 Prozent - "Tendenz steigend" - stehen zur Vertretung an. Insbesondere beim Vertretungsunterricht wird immer wieder die Frage nach der Qualität laut: fachfremder Ersatz, Klassenzusammenlegungen, Stillarbeit oder andere Beschäftigungsmethoden rufen massive Kritik von Eltern hervor. Rund 40 000 Unterschriften innerhalb kurzer Zeit fand die vom Landeselternrat unterstützte Petition eines Vaters aus Rostock "M-V Lehrer her!" Anlass des Protests: An der Grundschule seiner Tochter wurde zeitweise rund ein Viertel aller Stunden nicht planmäßig erteilt.

Auf weiteren Widerstand von Eltern hofft die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft auch angesichts des Brodkorb-Programms. Landesvorsitzende Annett Lindner hält die Punkte für unzureichend. "Der Minister hat ein Problem erkannt, klebt jedoch nur ein hübsches Pflaster auf, wo eigentlich eine Operation notwendig wäre", sagte sie. Der Lehrermangel im Land sei ein hausgemachtes Problem. "Schon lange liegt dem Ministerium umfangreiches Zahlenmaterial zum Lehrerbedarf vor. Allein wurde es bisher immer ignoriert", bemängelt die Gewerkschafterin. Einmal mehr nennt sie die Gehaltsunterschiede zwischen Grund- und weiterführenden Schulen als eine Ursache für den Mangel an Grundschullehrern.