Ein Angebot des medienhaus nord
Ein Artikel der Redaktion NNN

Reichspogromnacht Ein Zeitzeuge erinnert sich

Von Torben Hinz | 09.11.2018, 17:25 Uhr

Albrecht Josephy war zwölf Jahre alt, als die Nazis sein Elternhaus verwüsteten und die Familie zerrissen.

Wie die Nazis sein Elternhaus in der Graf-Schack-Straße verwüsteten und seinen jüdischen Vater verhafteten, musste Albrecht Josephy nicht live miterleben. Um ihn zu schützen, schickte Direktor Neumann den Zwölfjährigen von der Großen Stadtschule zu seiner Großmutter in der Wismarschen Straße. "Er hat sich um mich gekümmert und geschaut, dass ich aus der Klasse wegkomme", sagt der heute 92-Jährige. "Dafür bin ich ihm zu großem Dank verpflichtet." Als er später zu seinem Elternhaus ging, fand der geschockte Junge dort pures Chaos vor. Eingeschlagene Fensterscheiben, Radio, Möbel und Inventar verstreut auf der Straße, der Vater weg. Er wurde bis nach Weihnachten in Strelitz in "Schutzhaft" genommen. "Unvorstellbar", sagt Josephy.

„Das ist eine schreckliche Meisterleistung des Deutschen Reichs gewesen.“
Albrecht Josephy

Ihn habe die Verhaftungs- und Zerstörungswelle damals völlig überrascht, die zeitgleich am 9. und 10. November 1938 in ganz Nazi-Deutschland stattfand. "Das ist eine schreckliche Meisterleistung des Deutschen Reichs gewesen", sagt Josephy. Überall brannten Synagogen, wurden Menschen verhaftet und Familien zerrissen. Auch die Josephys traf dieses aufgezwungene Schicksal. Albrecht und zwei Schwestern mussten zu ihnen unbekannten entfernten Verwandten in der Schweiz ziehen. "Dieser Wechsel von einem Land zum anderen hat mich geprägt", sagt er. Von den Gräueltaten in Deutschland las er danach nur noch in der Zeitung, während er in verschiedenen Familien aufwuchs. Heute betrachte Josephy das als Geschenk: "Ich habe unglaublich viel gelernt." Ein normales bürgerliches Leben habe er jedenfalls nicht geführt.

Seine Heimatstadt Rostock besuchte Josephy zum ersten Mal wieder vor 25 Jahren. Seitdem reist er regelmäßig aus der Schweiz an die Ostsee. "Diese Aufnahme, die ich hier erfahre, ist phänomenal. Ich komme außerordentlich gerne zurück und sehe, was Rostock alles verändert hat." Und im Vergleich zu seiner Kindheit habe sich allerhand getan. Freitagmorgen durfte Josephy sich beispielsweise in das Gästebuch der Hansestadt eintragen.

Anlässlich des 80. Jahrestages der Reichspogromnacht beginnt am Sonnabend um 10 Uhr am früheren Standort der Synagoge in der Augustenstraße 101 eine jährliche Gedenkveranstaltung. Landesrabbiner Yuri Kadnykov, Bürgerschaftspräsident Wolfgang Nitzsche (Linke) und der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde, Juri Rosov, werden Reden halten. Anschließend sind die Teilnehmer zu einem Gottesdienst in der Jüdischen Gemeinde, Augustenstraße 20, eingeladen.