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Kröpeliner-Tor-Vorstadt Säure-Anschlag auf Peter-Weiss-Haus

Von Nicole Pätzold | 05.05.2012, 04:18 Uhr

Ein Anschlag, allem Anschein nach aus der rechten Szene, hat gestern den Tagesablauf im Peter-Weiss-Haus völlig auf den Kopf gestellt.

Unbekannte Täter hatten sich in den Morgenstunden Zugang zu dem Kultur- und Bildunsgzentrum verschafft, kletterten über ein Vordach, zerschlugen zwei Fenster und führten Buttersäure ein. Einige Veranstaltungen fielen aus oder mussten verlegt werden.

Die Betreiber und Mitarbeiter des Hauses waren schockiert. "Damit kann man nicht rechnen", sagt Kay Nadolny vom Verein Soziale Bildung, der auch seinen Sitz im Haus hat. Im Laufe des Vormittags erfuhren die Mitarbeiter von weiteren Buttersäure-Anschlägen, auf ein Kultur- und Wohnprojekt in Greifswald und einen Demokratieladen in Anklam. Für Zufall halten sie das nicht. "Es ist ganz offensichtlich eine koordinierte Anschlagsreise aus der Naziszene", sagt Tim Bleis von Lobbi, der landesweiten Opferberatung für Betroffene rechter Gewalt in MV.

Immer wieder finden im Haus Veranstaltungen statt, die rechte Gewalt harsch kritisieren, wie ab Montag die Peter-Weiss-Woche zu Ehren des jüdischen Künstlers und bekennenden Sozialisten. Eingeschüchtert sind die Betreiber jetzt durch den Anschlag aber nicht. "Ich fühle mich eher bestärkt. Solchen Tendenzen in der Bevölkerung muss etwas entgegengesetzt werden", sagt Vorstandsmitglied Stefan Nadolny. Auch die Polizei vermutet, dass die Täter aus der rechten Szene stammen. "Es ist von einer politischen Motivation auszugehen", sagte Polizeisprecherin Yvonne Hanske. Jetzt hat der polizeiliche Staatsschutz die Ermittlungen übernommen.

Um 7.45 Uhr war Juliane Holtz vom Literaturhaus die Erste im Peter-Weiss-Haus. "Es war alles wie immer verschlossen, aber es stank eben", sagte sie. Zusammen mit ihrer Kollegin bereitete sie eine Lesung vor, hatte noch nicht im am stärksten betroffenen großen Saal zu tun. Autorin Bine Brändle und etwa 20 Kinder wurden wenig später um 9.15 Uhr evakuiert. Andere Mitarbeiter waren dem Geruch nachgegangen, fanden die zertrümmerten Scheiben und alarmierten die Polizei. Zusammen mit Feuerwehr und Gesundheitsamt entnahm diese Proben und untersuchte den Tatort. Die Feuerwehr konnte lediglich feststellen, dass es sich um Buttersäure handelt, und den Raum entlüften. Ein Mittel gegen Buttersäure haben sie nicht. Mitarbeiter des Hauses informierten sich bei Chemie-Doktoranden der Universität, wie der Geruch zu beseitigen sei, und rückten der Säure mit handelsüblichen basischen Reinigungsmitteln zuleibe. Das Gesundheitsamt verfügte, dass der Saal bis heute um 10 Uhr nicht mehr genutzt werden darf. Die Veranstaltungen wurden verlegt, ab morgen geht der normale Betrieb weiter. "Es ist wichtig, dass es jetzt klare Signale aus der Stadtverwaltung und der Politik gibt", sagt Bleis. Gegen solche Anschläge müsse öffentlich Position bezogen werden. Das Peter-Weiss-Haus ist Sitz mehrerer kultureller Einrichtungen sowie der freien Kinder- und Jugendarbeit.