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Latchinian droht Abwahl Schicksalstag des Intendanten

Von Stefan Homann | 31.03.2015, 08:00 Uhr

Nach umstrittenem Vergleich mit Islamischem Staat: Hauptausschuss stimmt heute über die Kündigung von Sewan Latchinian ab

So hat Sewan Latchinian das alles nicht geplant: Erst vor gut einem halben Jahr heuerte er am Volkstheater an, erntete schon mit seiner Auftakt-Inszenierung „Stapellauf“ viel Aufmerksamkeit – und doch könnte es schon heute zum letzten Akt für den Intendanten kommen. Der Hauptausschuss der Bürgerschaft stimmt bei einer Sondersitzung ab 17 Uhr im Rathaus über eine fristlose Kündigung Latchinians ab. Immerhin soll er nun doch noch die Gelegenheit bekommen, vor dem Ausschuss Stellung zu seinem umstrittenen Vergleich der Kulturpolitik mit der Zerstörung von Kulturstätten durch den Islamischen Staat zu nehmen. Dass sich die Kommunalpolitiker auf eine Anhörung Latchinians verständigt haben, wurde gestern bekannt.

Oberbürgermeister Roland Methling (parteilos) beantragte die Abberufung des Intendanten. In der nicht-öffentlichen Beschlussvorlage, die der NNN-Redaktion vorliegt, heißt es, ein Festhalten an dem Vertrag mit Latchinian bis zum Ende der regulären Laufzeit 2019 sei nicht hinnehmbar. Anlass seien Latchinians Äußerungen in einem Interview mit der Zeitschrift „Oper und Tanz“ sowie bei einer Diskussion in Neustrelitz. Danach bestehe nicht die Gewähr, dass er „vorbehaltlos und mit Blick auf das in ihn gesetzte Vertrauen seine Pflichten aus dem Vertrag erfüllen“ werde.

Latchinian ließ nie einen Zweifel daran, dass er die von der Bürgerschaft beschlossene Strukturreform und die damit verbundenen Einsparungen ablehnt. In Neustrelitz hatte er erklärt: „Seit Wochen zerstören IS-Schergen im Irak die jahrtausendealten Weltkulturerbestätten Nimrud und Kirkuk. Und hier bei uns in Mecklenburg-Vorpommern – ich setze das nicht gleich, aber vergleichen können muss man das schon – hat momentan im Namen des Geldes die Zerstörung funktionierender Theaterstrukturen begonnen.“

Freie Meinungsäußerung oder ein Schritt über die rote Linie? Die Fraktionen der Bürgerschaft beraten seit Tagen, wie sie mit Methlings Antrag auf Kündigung umgehen sollen. Einige von ihnen verhandeln sogar bis zur letzten Minute: So plant die CDU ein abschließendes Fraktionstreffen kurz vor dem Hauptausschuss, wie der Vorsitzende Berthold Majerus mitteilte. Dass sie die Äußerungen des Intendanten unter der Gürtellinie finden, machten die Christdemokraten allerdings klar. „Das geht schlichtweg nicht“, sagt CDU-Hauptausschuss-Mitglied Dieter Neßelmann. Auch die SPD sieht die Grenze zur Beleidigung überschritten. „Dieser indiskutable Vergleich zerstört jedwedes Vertrauen“, so Fraktionsvorsitzender Steffen Wandschneider. Er bedauere, dass damit die wichtige Debatte zum Theater überlagert werde, denn es sei Aufgabe des Intendanten gewesen, aktiv für die Zukunft im gesetzten Rahmen zu streiten. Die Linken hingegen lehnen eine Abberufung des Intendanten klar ab. „Dafür gibt es keine Rechtfertigung“, sagt Fraktionschefin Eva-Maria Kröger, die zugleich Vorsitzende des Theater-Aufsichtsrats ist. Sollte Latchinian tatsächlich von heute auf morgen gehen müssen, sei auch mit Auswirkungen auf den Spielbetrieb und das Ensemble zu rechnen. Die FDP forderte gestern eine Abmahnung statt einer Entlassung – „sofern der Intendant künftig die Bürgerschaft als politisches Entscheidungsgremium akzeptiert“, sagt Kreisvorsitzender Sebastian Bergs. Sybille Bachmann (Rostocker Bund) meint: „Die vorgebrachten Abberufungsgründe sind haltlos und hätten in keiner Weise vor einem Arbeitsgericht Bestand, weder hinsichtlich einer Abberufung noch einer Abmahnung.“

Latchinian selbst wollte sich gestern nicht äußern. Volkstheater-Sprecherin Maren Lüthke teilte lediglich mit: „Der Intendant befindet sich in einer sehr sensiblen Situation.“

Schon der Abgang von Latchinians Vor-Vorgänger Steffen Piontek 2008 war Rostock teuer zu stehen gekommen. Im Streit um dessen fristlose Kündigung nach Personalquerelen kam es schließlich zu einem Vergleich vor dem Arbeitsgericht Rostock. Piontek, der das Haus eigentlich bis 2012 leiten sollte, erhielt eine Abfindung von 200 000 Euro.