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Stralsunder Stadtarchiv Sensation: Handschrift aus Mittelalter entdeckt

Von dapd | 25.05.2012, 10:39 Uhr

Ein im Stralsunder Stadtarchiv verschollen geglaubtes Buch von de Mello ist bei Bestandssichtungen entdeckt wurden. Jahrhundertelang schlummerte es im verstaubten Handschriften-Depot. Das Buch ist Millionen wert.

Der Wert dieses Buches wird von Kennern schon jetzt mit bis zu drei Millionen Euro beziffert. Jahrhundertelang schlummerte es im verstaubten Handschriften-Depot des Stralsunder Stadtarchivs, ehe es vor knapp einem Jahr bei Bestandssichtungen auffiel. Im Kapitelsaal des mittelalterlichen Johannisklosters schlägt Archivarin Regina Nehmzow mit weißen Schutzhandschuhen den eher unscheinbaren Einband auf. "Erst der zweite Blick lässt erahnen, um was für eine bibliophile Rarität es sich handelt", sagt die Historikerin.

Das Werk ist eine längst als verschollen gegoltene Handschrift von Francisco de Mello (1490-1536), Portugals führendem Mathematiker im Mittelalter. Nach seinem Studium in Paris hatte er im Jahre 1521 seine naturwissenschaftlichen Erkenntnisse auf 240 hauchdünne Seiten Pergamentpapier gebracht und mit einer Widmung seinem Gönner, dem portugiesischen König Manuel I. (1469-1521), zugeschickt. In säuberlichem Latein in Druckqualität setzte sich der Autor seinerzeit mit der Optiklehre von Euklid und der Hydrostatik von Archimedes auseinander. Akribisch gezeichnete Schemata, prachtvolle Ausmalungen und Verzierungen in feinstem Blattgold erläutern die für den Laien kaum verständliche Abhandlung.

Bislang sei von diesem Werk nur noch eine aus dem 17. Jahrhundert stammende Abschrift bekannt gewesen, sagt Jürgen Geiß, Spezialist für mittelalterliche Handschriften an der Staatsbibliothek Berlin. Abgesehen von der kunstvollen Anfertigung habe die sechs Jahrzehnte nach Erfindung des Buchdrucks entstandene Handschrift einen ungeheuren ideellen Nutzen. De Mello, der in seiner Heimat heute als wichtigster Mathematiker noch vor dem Astronomen Pedro Nunes (1502-1578) verehrt wird, soll mit diesem Werk theoretische Grundlagen für die Erkundung der Seewege rund um Afrika und den Bau neuer Seglertypen wie Naos und Karavellen gelegt haben.

Rätselhaft ist bislang der Weg des Buches bis nach Stralsund. Entstanden in einer für den Hochadel arbeitenden Pariser Werkstatt ging es zunächst in den Besitz des Lissaboner Hofes, wo es vermutlich nach einem Bibliotheksbrand um 1755 verschwand. Hinweise deuteten darauf, dass es in den Besitz eines portugiesischen und später eines spanischen Mathematikers gelangte.

Irgendwann wechselt der "Francisco de Mello in Euclidis Megarensis philosophi atque mathematici prestantissimi Perspective Commentaria ad optimum quemque prefatio" dann in die Sammlung des Stralsunder Generalgouverneurs von Schweden-Pommern, Axel Graf von Löwen (1686-1772). Dass ein solches Juwel im Bücherschrank eines Soldaten landete, verwundert Archivarin Nehmzow aber nicht. "Der Mann galt als absoluter Bücherfan und Sammler wertvoller astronomischer Instrumente. Binnen 16 Jahren soll er Bücher für 6500 Taler aufgekauft haben. Zum Vergleich: Friedrich Schiller verdiente als Geschichtsprofessor seinerzeit nur etwa 200 Taler pro Jahr."

Von Löwen hatte seine aus 1400 Bänden bestehende Sammlung testamentarisch der Stadt Stralsund übereignet. Die Wiederentdeckung der darin enthaltenen Handschrift de Mellos habe bereits in Portugal großes Aufsehen erregt, sagt Nehmzow, der schon ein Kaufangebot über 300 000 Euro auf den Tisch flatterte. Natürlich bleibe es unverkäuflich, betont sie. Im Juni soll das Buch erstmals in einer Vitrine der Öffentlichkeit vorgestellt werden. Anschließend wollen Fachleute das Werk noch einmal genauer in Augenschein nehmen.