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Norddeutsche Neueste Nachrichten „Singt die Marseillaise“

Von Redaktion svz.de | 22.05.2013, 09:50 Uhr

Auf Dutzenden Seiten hat der Geistliche Michel de Gastines seine Lebenserinnerungen aufgeschrieben.

„Das Abenteuer meiner Gefangenschaft bei Rostock 1940 bis 1945“ hat er sie genannt. Mit großer Genauigkeit zeichnet er nach, wie er in das Gefangenenlager bei Markgrafenheide kam – und unter welchen Umständen er dort leben und harte Arbeit verrichten musste. Fotos, Zeichnungen und Skizzen ergänzen die beklemmenden Beschreibungen.

Ende Mai 1940 wurde der damals 21-Jährige in Lille gefangengenommen. Ein zehntägiger Marsch und der Transport in Viehwagen folgten – zunächst bis Neubrandenburg, später nach Zehna und schließlich nach Markgrafenheide. „Juni 1943 – angekommen in B 304. Erziehungslager für Priester und ähnliche. Insgesamt 60“, lautet der erste, knappe Eintrag dazu. De Gastines beschreibt, wie er und seine Mitgefangenen in kleinen Gruppen, meist zu fünft, zur Arbeit gebracht wurden – in den Hafen oder zum Straßenbau. Auch bei Sturm und Schnee mussten die französischen Geistlichen Schiffe entladen und Straßen flicken. Hin und wieder gelang es ihnen, Kekse oder Zigaretten in ihren Tornistern oder ihrer Kleidung ins Lager zu schmuggeln. Auch die Freude über ein paar Heringe von einem einheimischen Fischer beschriebt de Gastines. Doch nach Jahren der Gefangenschaft deutet sich ab Ende April Hoffnung an: Im Radio verfolgen die Gefangenen das Vorrücken der Roten Armee. „1. Mai 1945. 2 Uhr in der Frühe. Wir feiern den Gottesdienst. Zwischen 3 und 4 Uhr sind wir fertig. Um 5 Uhr kommen die ersten Konvois der Russen und fahren vorbei. Um 10 Uhr kommt ein Major (Kommandant). Nach einigen Worten, erst auf Russisch, dann auf Deutsch, sagt er: ,Ihr seid frei - singt die Marseillaise!’“