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Fischer unter Beobachtung Streit um Seevogel-Beifang in der Ostsee

Von Martina Rathke, dpa | 10.10.2011, 07:34 Uhr

Den Stellnetzfischern drohen wegen der Gefährdung von Seevögeln und Schweinswalen Fangverbote in Schutzgebieten. Seit März dokumentieren Kameras den Beifang auf drei Kuttern.

Noch mitten in der Nacht, um 3.45 Uhr, erreicht Fischer Martin Lange sein Dorsch-Fanggebiet vor der Insel Hiddensee. Über Langes Kutter "Hilde" funkeln die Sterne, der Leuchtturm am Gellen an der Südspitze der Insel blinkt im monotonen Rhythmus. Mit dem Außensteuer legt der Fischer die "Hilde" längsseits zu den Netzen und angelt mit einem Langhaken die erste Stange und deren Anker aus dem Wasser. Dann wirft er den Holer (Netzeinholgerät) an der Steuerbord-Seite an. Von diesem Moment an bleibt auf dem Deck nichts unbeobachtet.

Seit einem halben Jahr nehmen jeweils drei Kameras auf drei Kuttern der Fischereigenossenschaft Freest (Kreis Vorpommern-Greifswald) jeden Winkel auf dem Deck ins Visier und speichern die Bilder auf Festplatte. Der Rund-um-Überwachung haben die Fischer freiwillig zugestimmt, weil sie Studien des Bundesamtes für Naturschutz (BfN) über angeblich jährlich 17 000 bis 20 000 tote Seevögel in den Stellnetzen der Fischer anzweifeln. "Wir stehen mit dem Rücken an der Wand", sagt der 36-Jährige. Wegen der folgenschweren Konsequenzen sehen er und seine Kollegen ihre Existenz bedroht.

Das Bundesamt hat vorgeschlagen, wegen der Seevögel- und Schweinswalbeifänge die Hauptfanggebiete, die zugleich auch Natura-2000-Schutzgebiete sind, für die Stellnetzfischerei zu sperren. Dabei geht es um die Oderbank, den Adlergrund sowie die westliche Rönnebank, den Fehmarnbelt und die Kadetrinne. Als Begründung für das geplante Stellnetz-Verbot vor allem in den östlichen Gewässern dient unter anderem die von den Fischern angezweifelte Seevogel-Studie. Besonders Meeresenten und Seetaucher verfingen sich beim Tauchen nach Nahrung in den Stellnetzen und ertränken, sagt der BfN-Meeresbiologe Henning von Nordheim. "Mehr als 50 Prozent der tot angetriebenen Schweinswale in der Ostsee sterben nach wissenschaftlichen Einschätzungen durch den Beifang in Stellnetzen." Der BfN-Vorschlag muss von den Bundesministerien für Umwelt und Landwirtschaft abgestimmt werden und soll dann - möglicherweise bereits 2012 - nach Brüssel gemeldet werden.

Fischer Lange steht am Holer und pflückt einen Dorsch nach dem anderen aus dem Netz. Er kann nicht verstehen, dass eine seit Jahrhunderten, im friedlichen Nebeneinander mit dem Naturschutz betriebene Fangmethode nun auf einmal Tausende Vögel gefährden soll.

Beobachtet von den Kameras füllt er Kiste für Kiste mit dem schmackhaften Speisefisch, ab und zu ist eine Flunder dazwischen, dann zieht Lange einen Hecht an Bord - nur einen Seevogel nicht. Die Studie des BfN halten Lange und seine Kollegen für unseriös. "Sie entspricht nicht der Realität." Ihn wurmt vor allem, dass mit der Untersuchung, die nur Beifänge in der küstennahen Fischerei erfasst, die Schließung von Fanggebieten außerhalb der Zwölf-Seemeilen-Zone begründet wird.

Ein halbes Jahr nach dem Start ihres "Big-Brother"-Projektes hat die Fischereigenossenschaft erste Zahlen vorgelegt, mit denen die Fischer ihre Zweifel bestätigt sehen. "Bei 105 Fangreisen aller drei an dem Projekt beteiligten Fischer wurden fünf Beifangereignisse von Seevögeln registriert - das macht einen Anteil von 4,8 Prozent", berichtet Genossenschaftschef Michael Schütt. Die Seevogel-Studie des BfN dokumentierte über drei Jahre bei 70 Fangreisen 15 Tage mit Seevogel-Beifängen - eine Rate von 21 Prozent. Noch deutlicher gehen die Ergebnisse bei der Heringsfischerei auseinander. Die Freester Fischer dokumentieren Beifangereignisse auf 3,7 Prozent der Fangreisen. Die BfN-Studie geht von Seevogel-Beifängen bei jeder vierten Heringsfahrt aus. "Wir sind bereit, Konsequenzen zu akzeptieren", sagt Schütt. "Aber die Zahlen müssen stimmen."

Das Bundesamt für Naturschutz verteidigt seine Studie als "fundierte wissenschaftliche Analyse" und verweist auf die Mitfahrten und die Erhebung von Zahlen aus 17 Fischereibetrieben. Der Berechnungsansatz für die Beifangzahlen sei "konservativ". Es sei davon auszugehen, dass die tatsächlichen Beifangzahlen mit hoher Wahrscheinlichkeit deutlicher höher liegen, so das BfN.

Möglicherweise kommt das auf zwei Jahre angelegte Kamera-Projekt für die Fischer zu spät, wenn bereits 2012 die Schutz-Vorschläge an die EU gehen. Das Bundesinstitut für Ostseefischerei warnt davor, bereits jetzt Schlussfolgerungen aus den Freester Fangreisen zu ziehen. "Wir müssen mindestens ein gesamtes Jahr dokumentieren, um belastbare Ergebnisse zu erhalten", sagt Institutsleiter Cornelius Hammer. Das Institut trägt die BfN-Vorschläge zum Seevogelschutz mit, die zeitlich und räumlich begrenzte Einschränkungen der Fischerei in den Schutzgebieten vorsehen.

Ob die Vorschläge - wie vom BfN geplant - umgesetzt werden, ist trotzdem ungewiss: Denn für Zündstoff zwischen dem Institut für Ostseefischerei - Fachbehörde des Bundesagrarministeriums - und dem Bundesamt für Naturschutz sorgen die Empfehlungen zum Schutz der Schweinswale. Während das BfN einen kompletten und ganzjährigen Ausschluss der Stellnetzfischerei in den fünf Natura-2000-Gebieten in der Ostsee fordert, reicht für das Ostseeinstitut die Ausstattung der Netze mit akustischen Signalgebern, sogenannten Pingern. "In dieser Frage gab es keinen Konsens", sagt Hammer.