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Boxen „Ich hatte nicht mehr mit einem Finale gerechnet“

Von Peter Richter | 20.10.2019, 16:35 Uhr

Kampfrichterin Susann Köpke war bei den WM in Ulan-Ude im Gegensatz zu den deutschen Kämpferinnen bis zum Ende dabei.

Und „wir“ hatten doch eine Finalistin bei den Frauen-Weltmeisterschaften in Ulan-Ude!

Susann Köpke, höchstdotierte Amateur-Box-Kampfrichterin Deutschlands mit drei Sternen des Weltverbandes AIBA, war in Südost-Sibirien 34-mal zum Punkten eingesetzt worden und amtierte sechsmal im Ring.

Krönung war das von ihr geleitete Duell um die Goldmedaille im 60-Kilogramm-Limit, das die Brasilianerin Beatriz Iasmin Ferreira, beste Boxerin des Turniers, einstimmig gegen die Chinesin Cong Wang gewann.

„Nachdem ich bereits in einem Halbfinale im Ring stand, hatte ich nicht mehr damit gerechnet, dass ich auch ein Finale bekomme, es waren ja so viele und auch erfahrenere Kampfrichter dort (insgesamt 33, einer pro Nation, nur Gastgeber Russland stellte zwei – d. Red.). Aber dann klappte es doch, und sogar in einer olympischen Gewichtsklasse – mehr geht nicht!“, strahlte die 36-Jährige vom PSV Rostock. Ab den Halbfinals gab es in der Halle statt zweien nur noch einen Ring. Das heißt, alle Blicke waren allein auf dieses Seilquadrat gerichtet. „Zudem wurden wir mit einem Mikrofon verkabelt. Das war schon aufregend“, so Susi Köpke.

Der Anfang war heftig: Anreise mit drei Flügen von Berlin-Schönefeld über Moskau-Scheremetjewo und Irkutsk, „cooler Empfang“ am Flughafen mit Brot und Salz, gereicht von Frauen in Trachten, dann die Tauglichkeits-Untersuchung (ja, auch die Referees werden gecheckt, ob Blutdruck, Puls usw. in Ordnung sind!), Eröffnungsfeier… „Erst nach 36 Stunden war ich im Bett. Und am nächsten Tag mussten wir schon 6.30 Uhr beim Wiegen der Boxerinnen sein.“

Es blieb aber auch Zeit zur freien Verfügung. Am Tag vor den Halbfinals gab es sogar einen Ausflug zum Baikalsee mit Brauchtum, Musik und Tanz allerorten sowie prallvollem Programm. „Zweieinhalb Stunden Busfahrt mit Polizei-Eskorte“, berichtet die Mecklenburgerin. „Es war bitterkalt, hatte sogar ein bisschen geschneit. Dennoch hätte man, gekoppelt an eine Sauna, sogar im See baden können. Ich habe u. a. Bogenschießen ausprobiert.“

Als logische nächste „Entwicklungsstufe“ könnte die Rostockerin jetzt durchaus für eines der fünf kontinentalen olympischen Qualifikationsturniere in Frage kommen. „Ich weiß nicht, wer darüber entscheidet, aber das wäre natürlich optimal“, schaut Susann Köpke gespannt in die Zukunft.

Weiter geht es für sie zunächst mit der nationalen Ausscheidung für Tokio 2020 im Dezember in Kienbaum.

Pferdewurst aus Kasachstan

Auch bei den Frauen-EM im August in Madrid hatte Susann Köpke ein Finale geleitet, ebenfalls Gewichtsklasse bis 60 kg.

Ihre aktuelle Gesamtbilanz: 1007 Kämpfe leitete sie im Ring, 2508-mal punktete sie.

Bis zum Viertelfinale wurde in Ulan-Ude die Ansetzung der Kampfrichter per Computer vorgenommen, ab Halbfinale befanden darüber die ITO (International Technical Officials).

Zu den vielen neuen Eindrücken für Susi Köpke gehörten auch kulinarische. So probierte sie kasachische Pferdewurst und sibirischen Lachs-Kaviar: „Jeder hatte was von zu Hause mitgebracht.“

Favorit unter den deutschen Kampfrichtern für einen Einsatz beim Olympia-Box-Turnier in Tokio (25. Juli bis 9. August 2020) ist Holger Kußmaul aus Schwäbisch Gmünd. Er amtierte bei den Männer-WM in Jekaterinburg, leitete dort ebenfalls je ein Halbfinale und Finale. Allerdings könnten auch mehrere Deutsche in Japan „antreten“…