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Stadtmitte Tiefe Spuren bleiben im Gedächtnis

Von Dana Bethkenhagen | 08.05.2012, 10:34 Uhr

Gestern vor genau 67 Jahren wurde Europa vom Faschismus befreit - am 8.

Mai 1945 kapitulierte Hitlers Wehrmacht. Doch die Erinnerungen an das große Leid während des Zweiten Weltkriegs tragen die Zeitzeugen noch heute in sich. Einige von ihnen, die die Kriegsjahre in der ehemaligen Sowjetunion erlebten und heute in Rostock und Schwerin leben, waren gestern in der Jüdischen Gemeinde der Hansestadt zu Gast. Dort wurde das Buch vorgestellt, das ihre schmerzlichen Erlebnisse für die Ewigkeit festhält. Auch Landesrabbiner William Wolff war vor Ort und betonte, welchen hohen Stellenwert Erinnerungen haben.

Der Historiker Prof. Arkady Tsfasman zeichnete in "Die letzten Zeugen des Krieges und des Holocaust. Jüdische Migrantinnen und Migranten aus Mecklenburg-Vorpommern erinnern sich an ihre Kindheit in der UdSSR während des Zweiten Weltkrieges" all das auf, was heute kaum noch vorstellbar ist. Die Jüdin Klara Kats erzählt darin von den Bildern, die sie seit ihrer frühen Kindheit nicht mehr verlassen. Leid, Elend und Tod haben in ihrem Gedächtnis Gesichter bekommen. Ihre ganze Familie starb in einem sowjetischen Ghetto. Sie selbst konnte wie durch ein Wunder fliehen und wuchs bei einer ukrainischen Familie auf. "Angst und Erniedrigung haben mich in diesen Jahren geprägt", so Kats. Als Tsfasman über die einzelnen Schicksale der insgesamt 18 Zeitzeugen redete, konnten einige Gäste im Publikum ihre Tränen nicht mehr zurückhalten. "Manche Erinnerungen hinterlassen tiefe Wunden und Verletzungen und ich bin mir unsicher, ob diese jemals richtig heilen können", so Wolff.

Das Buch, das in Zusammenarbeit der Jüdischen Gemeinde Rostock und der Geschichtswerkstadt Rostock entstanden ist, gliedert sich in drei Kapitel zu den Themen faschistische Besatzung, Blockade Leningrads und Überleben im Hinterland. Im letzten Kapitel berichtet Olexander Vaksman über seine Erinnerungen. Als kleiner Junge wurde er aus dem heutigen Weißrussland nach Mittelasien evakuiert, wo er sich ganz allein in einer fremden Welt wiederfand. All seine näheren Verwandten kamen damals im sowjetischen Ghetto um. Diese schmerzlichen Erinnerungen niederzuschreiben, da sind sich alle 16 Zeitzeugen einig, war eine gute Entscheidung. Eine von ihnen konnte die Buchveröffentlichung gestern nicht mehr erleben, sie war bereits im November des vergangenen Jahres gestorben. Ihr Mann Oleg Kukushkina sieht in dem Buch ein Denkmal für seine Frau. Landesrabbiner Wolff glaubt: "Erinnerungen sind eine der zwei Quellen unserer Identität." So könne aus all dem erlebten Leid auch etwas Positives gewonnen werden, und das haben die Zeitzeugen auch getan. Tsfasman sagt: "Deutschland hätte uns nach all dem, was passiert war, fremd sein müssen, doch das ist nicht passiert." Stattdessen haben die 18 Zeitzeugen hier eine neue Heimat gefunden.

Auch die Rostocker Hochschulgruppe der Deutsch-Israelischen Gesellschaft nahm sich den 67. Jahrestag der Kapitulation der Hitlerwehrmacht zum Anlass, um an die Geschehnisse und die Leistungen der Kriegsgegner zu erinnern.