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Rostock Tränen und Heimaterde zum Abschied

Von Torben Hinz | 02.05.2012, 10:28 Uhr

Am Grab ihres Vaters kann Rima Wasiljewna Kilina ihre Tränen kaum noch zurückhalten, wischt sich immer wieder mit einem Taschentuch über die Augen.

Genau 67 Jahre, nachdem deutsche Soldaten den Panzer von Kleschew Wasilij Afanasjewitsch gemeinsam mit der Brücke am Mühlendamm in die Luft sprengten, kann sie ihn endlich bestatten. Die Überreste der fünf Besatzungsmitglieder des T-34 wurden gestern bei einer Gedenk- und Trauerfeier auf dem Ehrenfriedhof am Puschkinplatz beigesetzt. Zuvor hatte der orthodoxe Mönchpriester der Gemeinde der Heiligen Seligen Xenia von Sankt-Petersburg, Vater Gabriel Kronstadt, sie gesegnet.

"Auf diesen Moment habe ich seit meiner Kindheit gewartet", sagt Kilina, die gemeinsam mit ihrer Tochter Irina Perezlawzewa aus dem 3500 Kilometer entfernten russischen Perm angereist war. "Jetzt wissen wir endlich genau, wo er gefallen und begraben ist und können Ruhe finden", so die Enkeltochter. Die beiden brachten extra Erde vom Grab ihrer Mutter und Oma mit, die sie auf den kleinen Sarkophag streuten. "Sie war ihm bis zuletzt verbunden und das wollen wir so zeigen", sagt Kilina. Ihren Vater in seiner Heimat zu bestatten, hat sie nach reiflicher Überlegung verworfen: "Ich habe schon mit dem Gedanken gespielt, aber dann entschieden, ihn dort beizusetzen, wo er auch gefallen ist." Die Familie werde noch oft nach Deutschland reisen, um das Grab zu besuchen.

Ein sichtbares Zeichen der Versöhnung

"Der respektvolle Umgang der Rostocker mit der Besatzung des Panzers und ihr Mitgefühl zeigen in aller Deutlichkeit, dass ihr Wunsch nach Auseinandersetzung mit den Ereignissen von tiefstem Herzen kommt", sagt der russische Botschafter Wladimir Michailowitsch Grinin. Er war für die Feier aus Berlin angereist und hielt gemeinsam mit Oberbürgermeister Roland Methling (parteilos) die Trauerrede vor den rund 200 anwesenden Gästen. Beide betonten die tiefe Verbundenheit zwischen Russen und Deutschen nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. "Das Vermögen, gemeinsam gedenken zu können, ist zum höchsten Gut unserer Völker geworden", sagt Grinin. Es sei das sichtbare Zeichen der Versöhnung, nachdem die Kämpfe damals auf beiden Seiten unendlich viel Leid verursacht hätten.

"Wir wollen zum Ausdruck bringen, dass so etwas nie wieder passieren darf", sagt Methling. Die Sprengung der Brücke am Mühlendamm mit einer Seemine sei eine der letzten sinnlosen Handlungen der deutschen Verteidiger gewesen. Sieben Tage vor Kriegsende kostete sie den Kommandeur, die Lade- und Richtschützen, den Funker sowie den Fahrer und Mechaniker des T-34 das Leben. Keiner von ihnen war älter als 31. "Sie alle starben für die Befreiung unserer Stadt vom Nationalsozialismus", so Methling. Daher sei es eine Pflicht, die Gefallenen in Würde beizusetzen, nachdem sie bis zum November vergangenen Jahres vergessen in ihrem zerstörten Wrack im Warnowufer ruhten. Erst bei den aktuellen Arbeiten für die Sanierung der Brücke am Mühlendamm wurden sie zusammen mit dem kompletten Panzerturm und dem Kanonenrohr wiederentdeckt. Trotz fortgesetzter Suche blieben weitere große Teile wie die Wanne zuletzt unauffindbar. Lediglich zwei große Panzerplatten, ein Handrad und eine Feder wurden noch geborgen. Was mit den Überresten nun passiert, ist noch nicht geklärt. Vermutlich sollen sie innerhalb einer Ausstellung zur Stadtgeschichte gezeigt werden.

"Der russischen Botschaft ist es schnell gelungen, die Gefallenen zu identifizieren", sagt Methling. Für die Familien bedeute dies endlich Gewissheit. "Wenn wir uns den Auftrag des Friedens immer vergegenwärtigen, war der Tod der fünf Rotarmisten nicht umsonst", sagt Botschafter Grinin.