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Universität Rostocker forschen zum Missbrauch in Hessen

Von NNN | 26.02.2019, 10:13 Uhr

Rostocker decken weitere Geschehnisse im Missbrauchsfall an der Schule in Ober-Hambach auf und erklären Strukturen.

Auf Einladung des Hessischen Ministers für Soziales und Integration ist Ende vergangener Woche im Wiesbadener Landtag die Rostocker Studie: „Tatort Odenwaldschule – Das Tätersystem und die diskursive Praxis der Aufarbeitung von Vorkommnissen sexualisierter Gewalt“ vorgestellt worden.

Das am Lehrstuhl für Allgemeine Pädagogik und Historische Wissenschaftsforschung der Universität Rostock unter Leitung von Professor Jens Brachmann angesiedelte Forschungsvorhaben untersuchte seit 2014 die für das einstige reformpädagogische Internat belegten Vorkommnisse sexueller Ausbeutung Schutzbefohlener und die Gründe für das Scheitern der Aufarbeitung der bereits seit den 1990er-Jahren bekannten Missbrauchsfälle.

Sowohl über Quellenstudien im Archiv der inzwischen geschlossenen einstigen Vorzeigeschule im südhessischen Ober-Hambach als auch durch kulturhistorische Analysen kann in der Studie belegt werden, wie das „Tätersystem“ Odenwaldschule entstand und wie dieses nach und nach alle Hierarchieebenen der Einrichtung durchdrang. Recherchiert wurde auch, wer die Täter waren, wer diese deckte und wie die Aufklärung und juristische Sanktionierung der Verdachtsfälle bereits seit den späten 1960er-Jahren verhindert wurde.

Im Fazit kommen die Verfasser der vorgelegten Studie zu dem Ergebnis, dass das Ausmaß der Verbrechen weit größer ist, als bisher angenommen: Neben den bereits bekannten fünf Haupttätern, lassen die analysierten Aktenmaterialien Rückschlüsse auf mehr als zwei Dutzend weitere pädagogische und technische Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen der Schule zu, bei denen die Grenzen zwischen Komplizenschaft, passiver Unterstützung, aktivem Täterschutz und eigener aktiver Tatbeteiligung häufig fließend waren. Ausgehend von diesem Befund muss auch die Zahl der Betroffenen korrigiert werden. Deren Anzahl dürfte sich nach der nun vorliegenden wissenschaftlichen Untersuchung sehr wahrscheinlich im mittleren – wenn nicht sogar im höheren – dreistelligen Bereich bewegen.

Die vorgelegte Studie erscheint im April 2019 als Buch. Ein Vorabdruck mit den zusammenfassenden Ergebnissen ist bereits abrufbar: https://www.klinkhardt.de/verlagsprogramm/2299.html