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Göldenitz Vize-Weltmeister mit Blick fürs Detail

Von Claudia Labude-Gericke | 08.11.2012, 08:04 Uhr

Es gibt Reparaturen, da blutet Bernd Vogel das Herz.

Weil sie durch mutwillige Zerstörung notwendig wurden. "Bei der Windmühle zum Beispiel fehlte plötzlich jeder zweite Flügel - und die haben wir dann später im Gras gefunden", ärgert sich Vogel. Er ist im Miniland Göldenitz für die Instandhaltung der Modelle zuständig. Und damit hat der 66-Jährige das ganze Jahr über zu tun.

Beim Schloss Spyker zum Beispiel, das gerade in seiner Werkstatt steht, müssen unter anderem Fenster erneuert werden. Auf dem Nachbartisch fehlt an der Schlosskirche Neustrelitz die Kupferfarbe für das Dacheinlaufblech. "Auch die Fallrohre müssen wir streichen", sagt der Rentner und passionierte Modellbauer. Seit seinem zehnten Lebensjahr widmet er sich voller Hingabe dem vorbildgetreuen Schiffsmodellbau. Obwohl er damit DDR-Meistertitel errang und sogar Vize-Weltmeister im Schiffsmodellbau wurde, blieb es lange nur ein Hobby. Schließlich war Vogel 25 Jahre lang bei der Marine als Fernmeldemechaniker und Nachrichteningenieur auch hauptberuflich auf Schiffen unterwegs und hatte nur in der Freizeit die Muße zum Basteln.

Dachdecker weist Modellbauer auf Fehler hin

1998 las er in der Zeitung in einer Annonce, das Modellbauer gesucht werden. Er bewarb sich und wurde zum Leiter der Werkstatt, die für das damals noch in Planung befindliche Miniland in Göldenitz die maßstabsgetreuen Modelle von Bauwerken aus MV fertigte. "Die meisten Menschen wissen gar nicht, wie viel Arbeit da drin steckt - nur Modellbauer können das wirklich nachvollziehen", sagt Vogel. Deshalb ärgert er sich auch, wenn er beobachtet, wie Großeltern für ein Foto ihre Kinder auf die Modelle setzen. "Sie sind ja dafür gemacht, sich daran zu erfreuen und daneben oder davor zu posieren - aber Anfassen ist eigentlich verboten", so Vogel.

Die Werkstatt, in der die Modelle für das Miniland gebaut werden, liegt in Rostock. Dort werden Männer und Frauen unter Trägerschaft des Gemeinnützigen Arbeitsförderungs- und Fortbildungswerkes (AFW) beschäftigt, die auf dem ersten Arbeitsmarkt keine Stelle mehr finden. Zwischen 1998 und Februar 2011 hat Vogel sie angeleitet und so gemeinsam mit ihnen den Großteil der derzeit 61 Modelle geschaffen. Am Anfang wurde mit Gips gearbeitet. "Wir sind dann aber auf witterungsbeständige Materialien umgeschwenkt, weil die Modelle das ganze Jahr über draußen stehen und Hitze, Regen und Schnee aushalten müssen", sagt Vogel. Die Qualität, zum Beispiel die des Klebers, hat er selbst getestet. "Ich habe die geklebten Teile erst im Sommer aufs Fensterbrett und später dann in den Kühlschrank gelegt", muss er bei den Erinnerungen schmunzeln.

Ein Lieblingsmodell hat er nicht. "Das Schloss Güstrow war aber die absolut größte Herausforderung", sagt der Tessiner. Und das nicht unbedingt wegen der Anzahl der Teile, "sondern weil jede Etage der Fassade unterschiedlich gestaltet ist". Was im Original mit Außenputz leichter geht, wird im Miniaturformat schwieriger. Da standen die Modellbauer plötzlich vor der Frage, wie sie die Steine für den Turm gerundet bekommen. Denn die Grundplatten der Modelle sind aus Plastik. Von vielen Details, wie Kirchenfenstern, haben Vogel und seine Mitarbeiter so genannte Gießlinge angefertigt, was die Reparatur und den Ersatz-Nachbau erleichtert. Das größte Lob sei, wenn die Besucher die Detailtreue der Modelle bewundern. Die Gäste des Minilandes sind aber auch die größten Kritiker: "Einem Dachdecker fiel einmal auf, dass das Dach des Modells falsch herum gedeckt war und der Regen da hineinlaufen konnte", erinnert sich Vogel.

Früher hätte das Team bei den Modellen sogar die Löcher für die Einläufe der Dachrinnen nachgebaut. "Doch der Regen kommt nun einmal nicht im Verhältnis 1:25 - als die Fallrohre vollliefen und nach dem Frost platzten, haben wir gelernt und bohren nun keine Einläufe mehr." Genau diese jahrelange Erfahrung ist es, die Bernd Vogel für das Miniland MV so wichtig macht. "Und ich kann auch einfach nicht loslassen", begründet er sein Engagement trotz Rente.