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gesund in rostock Weil sie das Leben liebt

Von JORO | 11.06.2015, 15:00 Uhr

Jazzsängerin Jacqueline Boulanger hatte Brustkrebs Nun engagiert sie sich in dem Verein „Gemeinsam mehr Mut“

Es war zur Weihnachtszeit vor fünf Jahren, als Jacqueline Boulanger an ihrer Brust eine Delle entdeckte. Eine Delle, die wuchs. Sie ging zum Arzt. „Ich hatte einen Tumor. Ich hatte Brustkrebs“, sagt die Rostocker Jazzmusikerin. Aber es hatten sich keine Metastasen gebildet. Ihr erster Gedanke nach der Diagnose: „Jetzt hast du es geschafft. Das hast du nun von der ganzen Stresserei.“ Vor dem Krebs sei Boulangers Terminkalender strikt durchgetaktet gewesen – von morgens bis abends. Heute nimmt sie sich jeden Morgen Zeit. Nur für sich. „Bis 11 oder 12 Uhr bleibt mein Handy aus. Ich lese, lerne oder mache Gymnastik. So kann ich gestärkt in den Tag gehen“, sagt sie. Durch den Krebs habe sie gelernt, besser auf sich selbst aufzupassen, auf ihren Körper zu hören und ihm das zu geben, was er braucht. Boulanger bekam zwei Chemotherapien, dann wurde sie operiert. Auch die Lymphknoten aus der Achselhöhle wurden entfernt. Die Nachwirkungen merke sie noch heute. Stellenweise sind die Partien unterm Arm immer noch taub.

„Niemand kann voraussehen, wer Krebs bekommt und wer nicht. Krebs kommt nicht vom Rauchen oder von ungesunder Ernährung. Das sind nur Faktoren, die ihn begünstigen. Aber genau deshalb höre ich von Patienten, die immer gut gelebt haben, so oft die Frage: ,Warum ich?’“, erzählt Boulanger. „Ich habe mir nie diese Frage gestellt. Viel mehr habe ich darüber nachgedacht, wofür ich da bin, was meine Aufgabe ist.“

Jacqueline Boulanger hat viele Aufgaben. Die Jazzsängerin verzaubert nicht nur mit ihrer Stimme und arbeitet an der Weltmusikschule Carl Orff, sondern engagiert sich auch in dem Verein „Gemeinsam mehr Mut – Wege bei Krebs“. „Ich wusste früh, dass ich für andere Menschen ein Schmetterling bin. Ich bin da, um für sie schön und gut zu sein, sie zu stärken und sie in ihrer Trauer abzulenken“, so Boulanger.

„Gemeinsam mehr Mut“ wurde im November 2010 gegründet – auf Initiative der Gynäkologin Dr. Susanne Markmann. „Sie sprach mich damals an, ob ich nicht Lust hätte mitzumachen“, erinnert sich Boulanger. Kurze Zeit später wurde die Musikerin Vorsitzende, seit etwa einem Jahr ist sie als Geschäftsführerin eingetragen. „Wir sind ein Verein, der von Medizinern gegründet wurde. Das ist etwas Besonderes. Unser Aufgabengebiet ist noch ein wenig umfangreicher als das einer Selbsthilfegruppe“, erklärt Boulanger. „Wir verstehen uns als Vernetzer schon vorhandener Angebote für Betroffene, als Informatoren über die Krankheit und setzen uns vor allem für ein Lernen über Krebs bei der breiten Bevölkerung, aber auch bei Ärzten ein.“ Derzeit zählt der Verein knapp 60 Mitglieder. Mindestens vier Mal im Jahr organisiert der Vorstand größere Veranstaltungen, darunter auch ein Sommerfest oder Trauerbegleitungsseminare. „Die Angst vorm Sterben ist da, nicht immer nur bei den Betroffenen, sondern auch bei ihren Angehörigen, bei Freunden, Familie und Kollegen.“ „Gemeinsam mehr Mut“ macht Mut – da, wo der Krebs wie ein Blitz eingeschlagen und das Leben verändert hat.

Als Boulanger erkrankte, gab ihr ihre Familie Mut, ganz besonders ihre Tochter. „Sie kann mit allen Situationen so gut umgehen. Es gab keine größere Stütze als sie.“ Nun gibt Boulanger selber Mut – auch denen, die an ihrer Erkrankung sterben werden. Auf der Palliativstation des Klinikums Südstadt hat sie schon Gespräche geführt, ebenso wie im Hospiz. Leicht fallen ihr diese Termine nicht: „Das kostet Energie, aber ich weiß, ich bin an der richtigen Stelle“, sagt sie. „Es gibt nichts Wichtigeres als den menschlichen Geist, hast du ihn überzeugt oder angestachelt, geht der Rest fast von allein! Das gilt für das gesamte Leben. Man dreht sich nicht plötzlich um 180 Grad, nur weil man Krebs hat. Man bleibt die Persönlichkeit, die man ist. Nur die Ansichten werden etwas genauer“, erklärt Boulanger. Momentan bemüht sie sich um eine noch effektive Zusammenarbeit mit dem Klinikum Südstadt. „Onkologische Patienten brauchen vor allem Zeit und oft psycho-onkologische Hilfe. Wir vom Verein könnten da unterstützend wirken.“ Erste Gespräche diesbezüglich mit den Ärzten habe es bereits gegeben. „Wir sind den ersten Schritt in eine gute Richtung gegangen“, freut sich Boulanger.