Ein Angebot des medienhaus nord
Ein Artikel der Redaktion NNN

Dokumentarfilm über das kleine Dorf in MV Wischershausen Widerstand gegen das Nichts

Von Holger Kankel | 11.08.2011, 11:19 Uhr

Spannende, skurrile, lustige und traurige Geschichten über die Menschen in einem sehr, sehr kleinen Dorf in MV erzählt ein Film, der im nächsten Jahr in die Kinos kommt. Und das ist seine Geschichte.

Das ist die Geschichte eines ungewöhnlichen Films. Der in den vergangenen zwei Jahren in einem sehr, sehr kleinen Dorf entstand. In dem Menschen leben, die ganz normal Harry, Maik, Maxe und Gabi heißen oder auch Henker. Was natürlich nicht ganz so normal ist. Aber gut passt zu diesen Leuten, an denen viele vielleicht pikiert vorübergehen würden. Deren spannende, skurrile, lustige, traurige Geschichten der Film aber im nächsten Jahr auf der großen Kinoleinwand erzählen wird. Warum, zum Beispiel, Henker Henker heißt. Warum Maxe im Alter mit einem zahmen Schwein an der Leine durchs Dorf ziehen will. Oder warum Harry vom Nordkap träumt, aber auch mit den Fischottern am Fluss zufrieden ist.

Doch beginnen wir mit dem Anfang dieses Films, der eine Rückblende ist. Der Berliner Regisseur Leopold Grün, dessen Dokumentarfilm über Dean Read - "Der rote Elvis" - erfolgreich in den Kinos lief, verbrachte immer mal wieder Wochenenden in Wischershausen. So heißt unser Filmdorf bei Altentreptow. 15 Häuser, 50 Einwohner, eine Milchviehanlage, in der noch fünf Angestellte arbeiten, kein Dorfkern, kein Laden, keine Kneipe, keine Kirche, ein heruntergekommenes Gutshaus, das hier Schloss genannt wird. Eine stattliche Lindenallee führt nach Wischershausen. Das ist auch schon das Beste, was man über dieses Undorf aus ehemaligen Schnitterkasernen links und rechts der Straße sagen kann.

Nach und nach kam Leopold Grün den Dorfleuten näher, hörte ihre Geschichten, war fasziniert von der Exotik ihres einfachen Lebens, von der Art, wie das halbe Dorf gemeinsam ein Schwein schlachtet oder 40 Hühner, wie sie trotz Hungerlöhnen oder Sozialhilfe ihren harten Alltag meistern - und dennoch zufrieden sind. Und nicht fortgehen wollen. Aus diesem Dorf, das wie aus der schnelllebigen Konsumwelt gefallen scheint.

"Mit ihrem Bleiben setzen die Dorfbewohner dem Verfall einer ganzen Gegend einen Widerstand entgegen", sagt Regisseur Grün. "Sie machen aus der Not eine Tugend und beleben längst verloren geglaubte Werte wieder." "Widerstand gegen das Nichts", nennt Grün das auch. Es klingt fast wie eine Parole.

Weil sie dem Regisseur inzwischen vertrauen, stimmen einige aus dem Dorf zu, als er sie fragt, ob er "für die Leute in der Stadt" nicht einen Dokumentarfilm über sie drehen dürfe.

So begannen im Sommer 2009 die Dreharbeiten. Immer wieder kehrte das Filmteam seitdem für einige Wochen ins Dorf zurück, um die Protagonisten im Wechsel der Jahreszeiten zu filmen. Am Dienstag hatte Kameramann Börres Weiffenbach die letzten Filmmeter im Kasten. Aus 100 Filmstunden müssen die Regisseure Leopold Grün und Dirk Uhlig nun einen mindestens 90-minütigen Kinofilm zusammenschneiden. Vielleicht erlauben die Produzenten von Rohfilm auch einige Minuten mehr - wenn es das Material hergibt.

"Es muss ja nicht immer das Beste sein"

Das wird es wohl, wenn wir den ersten Filmszenen trauen dürfen. Und den kurzen Begegnungen mit einigen der Helden auf einem Spaziergang durchs Dorf. Auch Henker, dessen richtigen Namen niemand im Dorf mehr kennt, werden wir treffen und endlich nach der Herkunft seines makabren Spitznamens fragen können.

Doch vorerst besuchen wir Gabi, die mit ihrem 29-jährigen Sohn Maik im ersten Haus auf der linken Seite der Straße wohnt. Beide sitzen hinter dem Haus gemütlich bei einem Pott Kaffee. Gänse schnattern, in einer Voliere singen Kanarienvögel, zwei Pferde schauen neugierig von der Koppel herüber. Als gelernte Pferdezüchterin arbeitete Gabi auf der LPG "Roter Stern". Dann kamen ihre fünf Kinder kurz aufeinander. Nach der Wende fiel der Arbeitsplatz weg, auch der ihres Mannes. Er trank und trank, bis er sich zu Tode gesoffen hatte.

Ist das nicht seltsam, wenn ein Kamerateam mit fünf Leuten auf dem Hof einfällt und einem Löcher über sein Leben in den Bauch fragt? "Ach nein", sagt Gabi, "ich verrate doch nichts Intimes, ich erzähle doch nur von mir." Außerdem vergisst sie die Kamera nach fünf Minuten. Sie freut sich sogar auf die Filmleute, da passiert mal etwas. Arbeit gibt es in der Gegend nicht, sie lebt von Witwenrente und Hartz IV. Haus und Hof könnten Reparaturen dringend gebrauchen. "Ich lebe lieber bescheiden", sagt Gabi, "es muss ja nicht immer das Beste sein." Und Urlaub? "Um Gottes Willen! Da setz ich mich lieber gemütlich auf den Hof, das ist auch Urlaub."

"Hier ist jeder mal die Kneipe"

Maik ist gelernter Tischler und zog für eine Zeitarbeitsfirma und einen Hungerlohn durch die Welt. Er arbeitete in Israel, in Hamburg und Moskau. Seitdem ihm das Arbeitsamt eine Weiterbildung vermittelte, die er nach zwei Wochen abbrechen musste, weil sie nicht mehr gefördert wurde, spricht er nur noch vom "Märchenamt". Von Israel schwärmt er noch immer: "Das war einwandfrei. Die wissen zu arbeiten, aber auch zu feiern. Da gibts nicht immer sonen Dreck und Stress wie das hier auf den Baustellen so ist. Hier gibs eh zu viele Vorschriften und es wird noch immer unterschieden, ob du aus dem Westen oder Osten kommst." Aus der Zeitarbeitsfirma flog er raus, als er nach einem höheren Lohn fragte.

Auch Melker Oli sitzt nach seiner Schicht im Stall beim Nachmittagskaffee. Dem gemütlichen Dicken blitzt der Schalk aus den Augen. "Die stören mich mit ihrer Kamera nicht. Die laufen doch nur an mir vorbei, ich arbeite wie immer, nicht zu schnell..." Manchmal, erzählt Oli, geht er nachmittags aus dem Haus, bleibt irgendwo im Dorf auf ein Bierchen hängen und kommt nachts nach Hause. "Hier ist jeder mal die Kneipe."

Harry treffen wir leider nicht an. Auf seinem Hof liegt überall Schrott herum. Er ist das Technikgenie im Dorf, ein Einzelgänger zwar, aber mit allen verbunden, weil er kommt, wenn etwas zu reparieren ist, eine Kettensäge oder ein Traktor. Dafür füttert ihm der eine ein Schwein mit, der andere bezahlt mit Holz aus dem Wald. "Wie es eben sein sollte im Dorf", sagt Harry an einer Stelle im Film. Er hat sich einen alten Wohnwagen aufgebaut und würde damit gern mal in den weißen Nächten ans Nordkap fahren. Harry versteht auch viel von Astronomie, referiert aus dem Stand über schwarze Löcher und Pulsare. "Es bringt ja nichts, vom Nordkap zu träumen und die Fischotter hier links liegen zu lassen", sagt er nüchtern.

"Aus dem Weg jetzt, ich muss arbeiten!"

In der Milchviehanlage, einem riesigen, typischen LPG-Gelände, auf dem früher Schweine gemästet wurden, kommt uns Maxe auf einem Gabelstapler entgegen und hält kurz an. Maxe ist ein Riese mit einem Riesenbauch und ziemlich schroff. Dass die Filmleute aus dem etwas herausbekommen haben! Jedenfalls mussten sie sich bei nächtlichen Interviews als äußerst trinkfest erweisen. 17 Jahre war Max arbeitslos und hielt sich mit privatem Viehzeug über Wasser. Jetzt arbeitet er in der Milchviehanlage und hat auch seine Schweine, Hühner, Gänse und Kaninchen noch. Den Namen Maxe hören wir beim Rundgang immer wieder. Maxe hat das gesagt, Maxe hat das gemacht. Er scheint ein Unikum zu sein und könnte mit seiner scheinbar unnahbaren Art der heimliche Held des Films werden. "Aus dem Weg jetzt", brüllt er, "ich muss schließlich arbeiten." Als Renter, hat Max dem Regisseur in einer schwachen Stunde verraten, will er mit Kühen und Schweinen nichts mehr zu tun haben. Nur ein Schwein will er abrichten und mit ihm an der Leine gemütlich durchs Dorf spazieren.

Zu tun, sagt Regisseur Grün, haben hier im Dorf immer alle, auch wenn sie keine Arbeit haben. Jemand nannte das mal "Eigenarbeit". Darum sei es zwar ein Film über dieses Dorf in Mecklenburg. Man könnte ähnliche Geschichten aber aus anderen Regionen in Ost und West erzählen - "aus den Peripherien inmitten der Gesellschaft".

Darum sollte der Film ursprünglich auch "Randland" heißen, was dem Verleih Neue Visionen nicht so gefiel. Dann war "Das Blaue vom Himmel" im Gespräch. Dieser Titel war leider schon vergeben. Nun könnte der Film, der 2012 in die Kinos kommt, "Soll und Haben" heißen oder auch ganz anders.

Den Filmleuten war von Anfang an klar, dass sie für die große Leinwand drehen würden. Darum auch das für einen Dokumentarfilm mit fünf Leuten große Team, das zudem mit aufwändiger Technik arbeitete. "Um den Leuten aus den Dorf mit großen Bildern ihre Würde zu geben", sagt Grün. Und: "Das ist fast wie in einem Theaterstück. Das ganze Dorf ist die Bühne, auf der die Leute, denen sonst niemand zuhört, von sich erzählen."

Wie der 73-jährige Henker, der dem Regisseur an jenem Nachmittag fröhlich in seiner Küche entgegenkräht: "Schluss jetzt, ich erzähle nichts mehr. Ihr macht einen ja fertig." Um dann doch zu erzählen, wie er einen faulen Kollegen in der Mittagspause am Amboss festgebunden hat, damit der nicht entwischen konnte. Seitdem heißt Henker Henker.