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Ein Artikel der Redaktion NNN

gesund in rostock „Wir wollen keine depressiven Patienten“

Von JORO | 11.06.2015, 15:00 Uhr

Gespräch mit Diplom-Psychologin Ricarda Harder

Zuhören und die richtigen Worte finden – sechs Psychologen arbeiten in dem Psychosozialen Zentrum des Klinikums Südstadt Rostock. Darunter ist auch Diplom-Psychologin Ricarda Harder. Die Psychotherapeutin und Psychoonkologin leitet das Zentrum und weiß, dass die Mitteilung der Diagnose Krebs für die Betroffenen nur schwer zu verkraften ist. Im Gespräch mit NNN-Autorin Josefine Rosse erzählt sie, wie ihr Team es schafft, den Patienten neue Kraft zu geben.

Wie sieht die Arbeit eines Psychoonkologen aus?

Basis unserer guten psycho-onkologischen Betreuung des Patienten ist die interdisziplinäre Zusammenarbeit. Wir Psychoonkologen setzen uns mit den Gefühlen, Gedanken und dem Verhalten krebserkrankter Patienten auseinander und versuchen, die Auswirkungen der Erkrankung in jeder Phase minimal zu halten. Unser Ziel ist es, die Lebensqualität der Betroffenen zu halten oder zu verbessern. Die Diagnose Krebs löst oftmals einen Schockzustand nicht nur in dem Betroffenen aus, sondern die gesamte Familie fühlt sich durch den Befund des Angehörigen belastet. Eine Folge kann auch Traumatisierung mit Ängsten, Hilflosigkeit und Hoffnungslosigkeit sein, denn die Erkrankung geht mit einer Existenzbedrohung einher. Die Patienten fühlen sich physisch und psychisch extrem belastet, nehmen sich aus dem Leben gerissen wahr. Wir wollen den Patienten motivieren, ihm helfen die Diagnose und sich selbst zu akzeptieren, denn häufig verändert die Krankheit auch das äußere Erscheinungsbild der Betroffenen. Die Reduktion negativer Gefühle wie Angst, Wut und Trauer, die Verbesserung des Selbstwertgefühls und der mentalen Einstellung zur Erkrankung sind weitere Behandlungsziele.

Wie stellen Sie fest, welcher Patient eine psycho-onkologische Betreuung benötigt?

Via Erstgespräch mit dem Patienten und Screening-Verfahren stellen wir fest, wie belastet der einzelne Patient ist. Aus den Antworten können wir ablesen, ob Einzelgespräche nötig sind. Zirka 50 Prozent der Patienten brauchen eine psycho-onkologische Betreuung.

Welchen Ängsten begegnen Sie in Ihrer Arbeit?

Stark ausgeprägt ist das Gefühl von Entscheidungslosigkeit. Die Patienten müssen Verantwortung abgeben, sie erleben häufig Kontrollverlust. Zudem plagt sie die Angst vor Stigmatisierung. Nach einer abgeschlossenen erfolgreichen medizinischen Behandlung bleibt oft die Angst, dass der Krebs zurückkehren könnte, auch Progredienzangst genannt. Kontrolluntersuchungen sind daher immer ein großer Stressfaktor für die Patienten.

Wie reagieren Sie auf diese Ängste?

Die Patienten sollen sich nicht zurückziehen, auch nicht von ihren Angehörigen. Deshalb fördern wir die Kommunikation zwischen beiden Seiten. Gleichzeitig dürfen die Patienten ihre Krankheit nicht verdrängen. Es hilft darüber zu sprechen. Gemeinsam arbeiten wir an den negativen Emotionen. Unser Ziel ist es, depressiven Reaktionen vorzubeugen – auch bei den Angehörigen. Die Überlebensrate sinkt bei depressiver Symptomatik, wenn die Patienten sich selbst aufgeben. Durch das Reden mit Unterstützung eröffnen sich für die Betroffenen häufig Lösungsansätze und Verarbeitungsstrategien. Zudem versuchen wir ihnen soziale Sorgen abzunehmen, mit denen sie durch ihre Erkrankung konfrontiert sind. Große Unterstützung leistet dabei auch unser Sozialdienst mit unseren vier Kolleginnen und Kollegen.

Welche Sorgen sind das im Einzelnen?

Der Sozialdienst berät zum Beispiel über Rehabilitationsmaßnahmen im Anschluss an die Krankenhausbehandlung, unterstützt bei Anträgen auf Pflegeleistungen/Pflegestufen und organisiert Hilfen für zu Hause. Auch beratende Gespräche zur Vorsorgevollmacht und Patientenverfügung führt der Sozialdienst auf Wunsch durch.

Wann kommen Sie das erste Mal mit den Patienten in Kontakt?

Wir begleiten die Betroffenen von Beginn der Diagnosestellung und bei Bedarf in jeder Phase des Krankheitsverlaufs. Insgesamt wird die psycho-onkologische Betreuung als eine wichtige Ergänzung zur medizinischen Behandlung gesehen.