Krebs : Die Diagnose kam ganz plötzlich

Ein Herz und eine Seele: Hündin Emmy hat Julia Riese in der schweren Zeit Kraft gegeben.  Fotos: josefine rosse
Ein Herz und eine Seele: Hündin Emmy hat Julia Riese in der schweren Zeit Kraft gegeben. Fotos: josefine rosse

Der Kampf ihres Lebens: Die 26-jährige Rostockerin Julia Riese hat eine chronische myeloische Leukämie – wie sie damit umgeht

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04. Juni 2015, 10:00 Uhr

Julia Riese war 24 Jahre alt, als sich ihr Leben schlagartig veränderte. Am 18. März 2013 wurde ihr gesagt, dass sie Krebs hat – eine chronische Form der Leukämie. Sie wird mit der Krankheit leben müssen – für immer. „Eine chronische myeloische Leukämie, oder auch CML, geht nicht wieder weg. Aber ich kann gut damit leben und auch sehr lange. Meine Lebenserwartung ist so wie bei einem gesunden Menschen.“ Zwei Mal am Tag nimmt Julia zwei Tabletten, morgens um 6 Uhr und abends um 18 Uhr. „Ich achte sehr darauf, dass ich die Zeiten einhalte. Egal, ob am Wochenende oder um Urlaub – mein Wecker klingelt zwei Mal am Tag.“ Julia nimmt ihre Krankheit ernst, sehr ernst. Die Diagnose kam plötzlich. „Ich bin nach einer Magen-Darm-Infektion zum Arzt, um mich krankschreiben zu lassen. Beim Bauchabtasten wurde festgestellt, dass meine Milz stark vergrößert ist“, erinnert sich die 26-Jährige. „Man nahm mir Blut ab und ordnete einen Ultraschall an.“ Julia Riese wurde in die Notaufnahme geschickt. „Ich habe vier Stunden gewartet. In dieser Zeit haben die Ärzte schon festgestellt, dass etwas mit meinen weißen Blutkörperchen nicht stimmt.“ Verdacht auf Leukämie. „Ich bekam einen Termin in der Onkologie für den nächsten Tag. Die Vorstellung, dass ich Krebs haben könnte, hat mich mit voller Wucht erwischt. Aber um mir selbst die Angst zu nehmen, habe ich mir strikt verboten, nach möglichen Krankheitsverläufen im Internet zu suchen“, sagt Julia.

Am nächsten Tag hatte sie dann Klarheit: „Die Ärzte haben mir gleich klar gemacht, dass ich mit dieser Form des Krebses alt werden kann, dass die Leukämie gut zu behandeln ist.“ Bei ihrem ersten Besuch im Klinikum hätte ihr nur eines Angst gemacht: „Das Leid der anderen. Da waren Menschen, denen es viel schlechter ging als mir, die mit viel aggressiveren Arten des Krebses umgehen mussten. Das tat mir leid.“

Die CML betrifft hauptsächlich Erwachsene zwischen 40 und 60 Jahren. 60 Prozent der Erkrankten sind Männer. Pro Jahr gibt es in Deutschland ein bis zwei Fälle auf 100 000 Einwohner. Ein Viertel der Leukämiefälle bei Erwachsenen sind dabei chronisch myeloisch. Bei der CML entartet die Blutstammzelle, was dazu führt, dass sich bestimmte Untergruppen weißer Blutkörperchen unkontrolliert vermehren. „Mein Körper wurde überschwemmt von entarteten Zellen, die er nicht selber abbauen konnte. Dass die Krankheit entdeckt wurde, war zufällig, aber dieser Zufallsbefund war auch mein großes Glück“, weiß Julia. Ohne Therapie wären der jungen Frau maximal fünf Jahre geblieben. „Ich kann 80 Jahre alt werden, vielleicht sogar älter. Das ist doch was.“ Die 26-Jährige lächelt. Die Krankheit habe sie zum Positiven verändert. „Ich mache mir nicht mehr Sorgen um Dinge, die nicht wirklich wichtig sind. Man muss das Leben einfach leben. Und das versuche ich.“ Die Unterstützung ihrer Eltern und ihrer besten Freunde, aber auch seitens der Ärzte, habe ihr geholfen, diese Einstellung zu entwickeln. „Ich bin ihnen allen sehr dankbar.“

Erst vor einigen Wochen hat Julia Riese einen Lebensabschnitt hinter sich gelassen. Sie hat ihre Ausbildung als Verwaltungsfachangestellte bei der Hansestadt Rostock erfolgreich beendet. „Ich hatte die Ausbildung ein halbes Jahr vor der Diagnose angefangen. Drei Wochen habe ich ausgesetzt, dann war ich wieder da. Mir ging es schnell wieder gut. Und mein Arbeitgeber hat mich optimal unterstützt“, erzählt Julia. Und ihr nun auch einen festen Job gegeben. Im August zieht Julia aus ihrem Elternhaus aus – ein großer Schritt für die 26-Jährige. „Ich wohne dann das erste Mal alleine.“

Was ihre Therapie anbelangt, so muss die Rostockerin im Drei-Monats-Rhythmus zum Arzt. „Es besteht immer die Gefahr, dass ich resistent gegen den Wirkstoff meiner Tabletten werde. Aber Dr. Beate Krammer-Steiner, die Leiterin des Onkologischen Zentrums am Klinikum Südstadt, betreut mich gut“, sagt Julia. Gerade erst habe sie ihr eine Behandlung empfohlen, bei der sie ihre Tabletten für einen längeren Zeitraum absetzen kann. „Ich bin in einer Testphase. Je nachdem wie ich auf die Tabletten reagiere, kann ich die Einnahme entweder zwei oder vielleicht sogar drei Jahre unterbrechen“, erklärt Julia. Damit könnte ihr Kinderwunsch sogar in Erfüllung gehen. „Eigentlich wollte ich immer mein erstes Kind mit 30 bekommen. Jetzt verschiebt sich das ein bisschen nach hinten, aber das ist halb so wild.“ Immerhin fehle Julia auch noch der richtige Partner. Die 26-Jährige gibt sich zuversichtlich: „Ich bin sicher, dass der auch noch kommt.“ Krebspatientinnen mit Kinderwunsch haben am Südstadtklinikum gute Chancen. Die Mediziner des dortigen Universitäts-Gynkrebszentrums können selbst Gebärmutterhalskrebs-Betroffenen zum Nachwuchs verhelfen. „Die Möglichkeit schwanger zu werden, ist gegeben“, sagt Prof. Bernd Gerber, Direktor der Universitätsfrauenklinik am Klinikum Südstadt – mit der radikalen Trachelektomie (RT). Bei dieser Methodik werde nur ein Teil des Gebärmutterhalses entfernt, nicht die komplette Gebärmutter. Allerdings könne die RT nur bei Frauen angewandt werden, deren Krebs sich in einem frühen Stadium befinde. Eine Tumorgröße von unter zwei Zentimetern im Durchmesser sowie tumorfreie Lymphknoten sind die wichtigsten Kriterien für die Durchführung des Eingriffes. „Der Organerhalt ist möglich. Wir wenden die RT aber nur in Einzelfällen an. Die meisten Patientinnen, die wir behandeln, haben bereits ein Kind. Sie sind froh, wenn sie den Krebs überleben“, sagt Gerber. Krebspatientinnen, die sich ein Kind wünschen, sollten immer an die eigene Prognose denken. Dass die Betreuung des Kindes sichergestellt ist, müsse berücksichtigt werden.

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