Rostock : Nordwasser lässt Abwasser auf Coronaviren testen

von 06. Juni 2020, 05:00 Uhr

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Alle fünf Tage entnehmen derzeit Nordwasser-Mitarbeiter wie Christian Schindel in der Kläranlage in der Carl-Hopp-Straße Abwasserproben, um sie auf Coronaviren zu untersuchen.
Alle fünf Tage entnehmen derzeit Nordwasser-Mitarbeiter wie Christian Schindel in der Kläranlage in der Carl-Hopp-Straße Abwasserproben, um sie auf Coronaviren zu untersuchen.

Alle paar Tage werden Proben für eine bundesweite Studie entnommen. Doch der Sinn des Projekts wird hinterfragt.

Um möglichst zuverlässig erneute Ausbrüche des Coronavirus feststellen zu können, untersuchen Forscher der Technischen Universität Dresden und des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung (UFZ) in Leipzig Abwässer aus bundesweit mehr als 20 Städten. Für die Hansestadt ist der kommunale Versorger Nordwasser beteiligt. Verfahren soll Reaktionszeit verbessern Der Umweltmikrobiologe Hauke Harms vom UFZ erhofft sich durch den innovativen Forschungsansatz, die Dunkelziffer von Coronainfizierten besser ermitteln zu können. Dazu werde vergleichbar zu einem herkömmlichen Vaterschaftstest ein Genvergleich vorgenommen. So lassen sich im Schmutzwasser winzige Bestandteile des Coronavirus nachweisen, sind sie denn vorhanden. "Das Verfahren soll schneller Ergebnisse liefern als bei Patienten Symptome auftreten", gibt Harms das Ziel vor. Denn Menschen würden das Virus auch ohne diese ausscheiden. Sicherlich könnten mit dieser Methode einzelne Infizierte nicht herausgefiltert werden, jedoch etwa ein größerer Ausbruch in einer Gemeinde. "Damit gewinnen wir mehr Reaktionszeit" und eine Art Frühwarnsystem für die Behörden, so Harms weiter.   Alle fünf Tage werden Proben genommen Seit Mitte April wurden in Rostocks größter Kläranlage in der Carl-Hopp-Straße alle zwei bis drei Tage Proben aus dem Abwasser und für eine spätere Analyse eingefroren, sagt Nordwasser-Sprecher Peer Steinbrückner. Wegen der geringen Infektionszahlen geschieht das jedoch aktuell nur noch alle fünf Tage. Bewusst soll jedoch auch das Abflauen einer Pandemie erfasst werden. Rostocker Virologe bezweifelt den Sinn der Untersuchungen Während der Forschungsansatz für Sachsens Wirtschaftsminister Sebastian Gemkow "sehr vielversprechend klingt", bewertet der Rostocker Virologe Professor Emil Christian Reisinger von der Universitätsklinik das Vorhaben skeptisch: "Ob es sinnhaft ist, muss erst bewiesen werden." Schließlich habe es auch Abwassertests in der Schweiz gegeben, bei denen das Virus der Kinderkrankheit Polio nachgewiesen wurde, obwohl es nahezu weltweit ausgerottet ist. Auf welchem Wege Polio jedoch die Kanalisation erreichte, konnte nicht geklärt werden - auch weil es keinen Ausbruch der Krankheit gegeben hätte, so Reisinger weiter. Das Testen symptomatischer Patienten habe sich bewährt Bei den aktuellen Untersuchungen bemängelt er, dass sich der genaue Ort eines Infektionsherdes und die Anzahl der Personen wahrscheinlich nicht eingrenzen lassen. Genau das erhofft sich jedoch Oberbürgermeister Claus Ruhe Madsen (parteilos): "Wir wollen das soweit verfeinern, damit es genauer wird." Außerdem könnten dadurch Virusausbrüche festgestellt werden, bevor es die Infizierten selbst wüssten, weil die Inkubationszeit mehrere Tage betrage.       Reisinger überzeugt das dennoch nicht: "Die Erfahrung zeigt, dass das Testen von symptomatischen Patienten die sinnvollste und erprobteste Methode ist." Damit meine der Mediziner jedoch nicht anlasslose Reihentestungen einer Vielzahl von Personen. Das habe sich nicht bewährt, weil die Ergebnisse nur eine punktuell-zeitliche Aussage über das Virus liefern würden. Ein Kommentar von Stefan Menzel: Jede Anstrengung ist es wert Bei den Nordwasser-Untersuchungen ist wie bei vielen innovativen Forschungsprojekten die Skepsis ob des Nutzens zunächst groß. Dennoch sollten die Forscher die Studie weiterführen, bis überzeugende Resultate - ob nun mit oder ohne Mehrwert - präsentiert werden können. Wie auch bei den umfangreichen und weltweiten Forschungen für einen Impfstoff gegen das Virus ist bereits jetzt klar, dass nicht alle Ansätze erfolgreich sein werden. Doch Konkurrenz belebt auch ich der über Forschungsdisziplinen hinweg das Geschäft. Nach wie vor sollten alle möglichen Anstrengungen angesichts der wirtschaftlichen Schäden und der hunderttausenden Toten weltweit unternommen werden, um das Virus auszurotten oder mindestens eine erneute Ausbreitung frühzeitig zu erkennen.   ...

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