Seehafen Rostock : „Plocie“ hat den Container-Verkehr mit aufgebaut

In den 1980ern war der Seehafen Rostock das Zentrum des seewärtigen Containerumschlags in der DDR.  Repro: VEB Seehafen Rostock
In den 1980ern war der Seehafen Rostock das Zentrum des seewärtigen Containerumschlags in der DDR. Repro: VEB Seehafen Rostock

Vor den Hafen-Jubiläen im Mai schildert Logistiker Wolfgang Plociennik die Geschichte der Blechkisten in Rostock aus persönlicher Sicht.

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11. Februar 2020, 20:44 Uhr

Im Seehafen und im Fischereihafen Rostock stehen Jubiläen bevor. Im Vorfeld stellen wir in loser Folge einige Rostocker vor, die zur Entwicklung der Umschlagplätze ihren Beitrag leisteten. Zu ihnen gehört Wolfgang Plociennik (78), der von 1966 bis 2003 im Seehafen tätig war und auch danach noch dem Hafen als Lehrkraft für den beruflichen Nachwuchs verbunden blieb.

Als am 30. April 1960 die Arbeit an den ersten hier gebauten Liegeplätzen im Überseehafen begann, ging er in seinem Heimatort Großräschen noch zur Schule und bereitete sich auf das Abitur vor. Vor seinem Studium an der Verkehrshochschule Dresden bekam der Niederlausitzer bei einem praktischen Jahr im Binnenhafen Magdeburg aber bereits einen Vorgeschmack darauf, was Hafenarbeit bedeutet.

Nach dem Abschluss als Diplom-Ingenieur-Ökonom mit der Fachrichtung Seeverkehr wurde der Rostocker Hafen sein berufliches Tätigkeitsfeld. Als „Seehafenoberdispatcher“ sollte er gemäß Arbeitsvertrag am 1. August 1966 einsteigen. Solche Funktion gab es aber gar nicht, erfuhr er vor Ort und wurde Technologe.

Beim Hafentörn: Wolfgang Plociennik (l.) und Manfred Bonin
Reiner Frank
Beim Hafentörn: Wolfgang Plociennik (l.) und Manfred Bonin

Die Kaihalle 3 war zunächst sein Wirkungsfeld. Abläufe, Personal und Arbeitsmitteleinsätze, Leistungsvorgaben nach Gutarten und Umschlagrelation waren mit den Teams, Meistern und Gangleitern einzutakten. „Plocie“, wie ihn seine Freunde nennen, wurde ein „Rädchen“ in der Hafenorganisation.

Ein besonderes Kapitel seines Werdegangs im Hafen bildet der Containerverkehr. Am 30. Juni 1968 war aus Dresden der erste Containerzug in den Hafen gerollt. Im November 1968 eröffnete MS „Falke“, ein umgebauter DSR-Kümo, mit 32 Containern eine Linie nach England. Ro-/Ro-Verbindungen nach Riga und Finnland setzten Akzente.

Der Umschlag erfolgte zunächst mit einfachen Mitteln. Erst 1974 wurde im Hafen der erste von zwei Container-Brückenkränen aufgebaut. Plocie berichtet, wie man sich mit Provisorien zu helfen wusste.

Seit 1969 war er im Produktionsbereich Asien/Amerika und somit von der Kaihalle 1 aus als Abteilungsleiter Container, Fachbereichsleiter Ro/Ro und Betriebsteilleiter Stückgut mitverantwortlich.

Auf bis zu 40 Standorten lagerten zeitweise die Blechkisten verstreut, der Transportbedarf entsprechend hoch. Investitionen in Kran- und Staplertechnik waren folgerichtig. Ab 1980 erfolgte der Einsatz importierter Van-Carrier, die eine Dreifach-Stapelung der Einheiten ermöglichten und die Lagerkapazität erhöhten. Neue Kräne bis hin zu Portainern forcierten das Umschlagstempo. Allein nach Riga lieferten hundert Betriebe ihre Waren in Containern, gingen so 1984 etwa 30 000 Blechkisten diesen Weg. Mit 135 928 Einheiten wurde 1989 die höchste Container-Umschlagzahl erreicht. Insbesondere der 1988 eröffnete EACON-Service der DSR und der Polish Ocean Lines sorgte für Zuwächse.

Das Logo zum Doppel-Hafengeburtstag am 1. Mai hat der Rostocker Grafiker Jochen Bertholdt entworfen.  Grafik: Jochen Bertholdt
Das Logo zum Doppel-Hafengeburtstag am 1. Mai hat der Rostocker Grafiker Jochen Bertholdt entworfen. Grafik: Jochen Bertholdt
 

Nach der Wende kam das Aus. Anfang 1991 wurde in Rostock kein Containerschiff mehr abgefertigt. Es gab zwar Versuche, den Verkehr wieder zu aktivieren. So wurde schon 1990 durch die Seehafen Rostock AG und die Eurokai AG Hamburg die Firma Eurotrans GmbH gegründet. Eine Marktanalyse aber zeigte, dass eine Beteiligung nicht wirtschaftlich war.

1995 platzten dann auch die Träume des damaligen Hafendirektors Werner Pinnow und der Kent-Gruppe mit der Rostock-Atlantik-Line. Bereits nach zwei Reisen, die von Rostock über Helsingborg, Arhus, Immingham, Greenock, Richmond, Philadelphia und Halifax führten, musste man mangels Ladungsaufkommen diesen Dienst aufgeben. Dafür wurde der Ro-/Ro-Verkehr zu einem Aktivposten des Universalhafens.

Wolfgang Plociennik hatte inzwischen Marketing-Aufgaben übernommen. So lotete er Kooperationen mit Häfen wie Södertalje, Trelleborg und Lulea aus. Mit 63 Jahren ging er in den Ruhestand. Im wahrsten Sinne des Wortes traf das auf ihn aber nicht zu. Er unternahm mit seiner Frau viele Reisen, war als Rentner sechs Semester lang auch Gast-Hörer an der Universität zur Geschichte des Mittelalters und Mecklenburgs.

Als Dozent an der AQG, dem Hafen-Bildungszentrum und zuletzt im AFZ vermittelte er bis 2018 den angehenden Hafenlogistikern seine Erfahrungen. Dafür bildete er sich bei Veranstaltungen der DVWG weiter, brachte sich auf den neuesten Stand. Exkursionen führten ihn so auch zu den Containerterminals in Hamburg, Bremerhaven, Rotterdam und Antwerpen. Den Termin der nächsten Exkursion hat er im Kalender bereits vornotiert.

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