Rezension : Liebe lieber unwissend

Komplizierte Paar-Geflechte: Lydia Wilke, Fabian Ranglack, Christoph Gottschalch und Katja Klemt (v. l.) spielen sie in „Wir lieben und wissen nichts“ durch.
Komplizierte Paar-Geflechte: Lydia Wilke, Fabian Ranglack, Christoph Gottschalch und Katja Klemt (v. l.) spielen sie in „Wir lieben und wissen nichts“ durch.

Mit „Wir lieben und wissen nichts“ zeigt die Compagnie de Comédie eine tiefsinnige Satire moderner Beziehungen.

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31. März 2015, 12:00 Uhr

Vom ersten Moment an geht es zur Sache, fliegen die Fetzen, liefern sich die Handelnden auf der Bühne verbale Gefechte, die auf dem Grat zwischen Komik und Grausamkeit balancieren. Die Komödie „Wir lieben und wissen nichts“ von Moritz Rinke hat Tempo. Reiner Heise hat sie für die Rostocker Compagnie de Comédie inszeniert, am Freitag feierte das Stück Premiere.

Wer eine leichte Beziehungskomödie erwartet hat, dem bleibt das Lachen recht bald im Hals stecken. Denn auf der Bühne prallen moderne und nicht mehr ganz so moderne Liebes-Modelle aufeinander. Und sehr schnell wird klar: Die, die sich dort als Paar ausgeben, tun sich gegenseitig weh. Was verbindet sie überhaupt noch? Haben sie sich nicht längst aus den Augen verloren? In der Rolle des Roman trifft Christoph Gottschalch mit einer Textzeile den Nagel dann auch auf den Kopf: „Wir haben immer gesagt, wenn wir nicht reden, dann trennen wir uns auch nicht.“

Die Versuchsanordnung: Zwei Paare treffen in einer Wohnung aufeinander. Sie wollen ihre Domizile für eine gewisse Zeit tauschen. Berufsbedingt muss Hannah (Lydia Wilke) nach Zürich. Ihr Freund, der verkopfte und mäßig erfolgreiche Kulturwissenschaftler Sebastian (Fabian Ranglack), soll mit – und sträubt sich wortreich. Auf der anderen Seite folgt Magdalena (Katja Klemt) ihrem Mann Roman, der an der Entwicklung von Kommunikationssatelliten arbeitet, schicksalsergeben dorthin, wo er für seinen Job sein muss. Sie unterstützt ihn, kommt aber so langsam nicht mehr drum herum sich einzugestehen, dass sie sich dabei selbst aufgegeben hat. Roman honoriert das, indem er Magdalena ein eigenes Ich mittlerweile gar nicht mehr zugesteht, sie nicht ernst nimmt, ihr ständig über den Mund fährt. Auch Hannah belächelt die spärlichen Publikationen ihres Partners. Sie hingegen gibt sich effizient, plant den Nachwuchs per Fruchtbarkeits-App und bietet Entspannungskurse für Banker an. Ihr Lebensentwurf steht völlig im Widerspruch zu Sebastians. Früher oder später müssen diese verfahrenen Beziehungskisten mit einem lauten Knall in die Luft gehen.

„Wir lieben und wissen nichts“ zeigt die Abgründe moderner Partnerschaften. Der eine will voran, der andere kommt nicht hinterher. Einer will sich selbst verwirklichen, einer gibt sich auf. Kommunikation findet im Weltall zwischen Satelliten statt, aber längst nicht mehr in den eigenen vier Wänden. Das könnte komisch sein, wäre es nicht so brutal realistisch. Die enorme Leistung der Darsteller – besonders Gottschalch und Ranglack – macht diesen Theaterabend zu einem herausragenden. Unbedingt ansehen!

Termine: 4. und 18. April jeweils 20 Uhr in der Bühne 602

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