Notfallschlepper "Baltic" ist ein echtes Kraftpaket

Kapitän Bernhard Kittel am Ruder des Notfallschleppersreiner frank
Kapitän Bernhard Kittel am Ruder des Notfallschleppersreiner frank

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19. September 2012, 12:04 Uhr

Rostock | Ein Marine-Hubschrauber braust von Hohe Düne aus heran. Im Seegebiet vor Warnemünde wird das Zusammenspiel mit dem Notfallschlepper "Baltic" geübt. Seit Anfang September ist dies auf kurzem Wege zum sicheren Schutz der Küste bei Schiffshavarien gut möglich. Denn mit der Verlegung des Marineflieger-Geschwaders 5 von Kiel-Holtenau nach Nordholz wurde keine Sicherheitslücke gerissen, sondern ein SAR-Helikopter vom Typ Sea King MK 41 ist wieder auf der Hohen Düne stationiert und gewährleistet die Sofortbereitschaft für die Ostsee, erklärt der Warnemünder Marinestützpunkt-Kommandeur Thomas-Henry Louis. So kann auch flexibel trainiert werden, was im Ernstfall Hand in Hand klappen muss.

Bernhard Kittel (57) ist der Kapitän des Notfallschleppers "Baltic". Seit September 2010 ist das Schiff im Warnemünder Werftbecken stationiert: Der Schlepper ist 61,36 Meter lang und 15 Meter breit und ein Kraftpaket. Bei Tests wurde ein Pfahlzug von 127 Tonnen erreicht, zwei Hauptmaschinen mit je 11 000 PS machen es möglich, dass selbst Tankerriesen, wie sie in der Ostsee verkehren, an den Haken genommen werden können. Für eine hohe Manövrierfähigkeit des knapp 3000 Tonnen schweren und 17 Knoten schnellen Schiffes sorgen zwei Bug- und zwei Heckstrahler. Über hydraulische Schleppwinden sind schwere Trossen aus Stahldraht zu handhaben. Der Schleppdraht hat einen Durchmesser von 62 Millimeter und eine Länge von 500 Metern. Der 16 Meter lange Ausleger eines Deckskrans reckt sich empor, Feuerlöschkanonen sind bei Bedarf einsatzbereit. Chief Volker Eisenried kennt jede Schraube an Bord, war schon bei der Bauaufsicht auf der Werft Asterillos Armon in Vigo dabei.

Kapitän und Chief haben alles im Griff

Hoch oben vom fünften Deck des Schiffes wird die imposante Größe des Notschleppers besonders deutlich: ein Riese, den der Kapitän und sein Chiefmate aber am Ruder gut zügeln können, kurz aufstoppen und punktgenau die gewünschten Kreise steuern lassen, schließlich butterweich am Kai wieder festmachen. "Anfänglich war das schon eine große Umstellung. Schließlich ist das Schiff doppelt so groß wie seine Vorgängerin, eine ganz andere Klasse", sagt der erfahrene Nautiker. Mit seinen Kollegen vom auf der Peene-Werft gebauten Nordsee-Notschlepper "Nordic" hat er die ersten Schleppübungen gemacht. Beide Schlepper werden im Auftrag des Bundes von der 2001 gegründeten Arbeitsgemeinschaft Küstenschutz betrieben. Darin bündeln die Unternehmen Bugsier, Fairplay, Unterweser Reederei (URAG) und Wiking Helikopter ihre Kräfte. Ziel der Arge ist auf der Grundlage des deutschen Notfallkonzepts die Gewährleistung eines optimalen und sicheren Schutzes der Küste bei Schiffshavarien. Acht Mann bilden die Besatzung der "Baltic". Alle 14 Tage erfolgt der Wachwechsel mit Kapitän Kuhlmanns Crew, berichtet Kittel. Ergänzt werden die Besatzungen bei Einsätzen durch ein vier-Mann-Team auf Bereitschaft, das sich aus erfahrenden Seeleuten der heimischen Schlepper und der Baltic-Taucher rekrutiert.

Schiff eilt betrunkener Besatzung zur Hilfe

Bereits wenige Tage nach Indienststellung kam die "Baltic" beim Brand der Fähre "Lisco Gloria" am 8. Oktober 2010 vor Fehmarn zum Einsatz. Damals noch im Miteinander mit "Fairplay 26", deren Schwesterschiff "Fairplay 25" gegenwärtig in Sassnitz als Notschlepper fungiert. Weitere Einsätze folgten. Vor dem Ernstfall aber muss die Einsatzbereitschaft geübt werden. Dass das auch international gut abgestimmt erfolgen kann, belegte die Notfallübung des Havariekommandos mit deutschen und schwedischen Schiffe vor Rostock im April dieses Jahres. Gemeinsam mit den Notschleppern "Fairplay 25" und "Baltic" sowie dem Mehrzweckschiff "Arkona" war hier die schwedische Küstenwache mit ihren Schiffen "Poseidon" und "Tristan" vertreten, spielte die Scandlines-Fähre "MeckPom" eine manövrierunfähiges Fahrzeug.

Erst Anfang September drohte wieder ein Ernstfall vor der heimischen Küste. Der unter panamaischer Flagge fahrende russische Küstenfrachter "Vyk" war mit mehr als 1000 Tonnen Elektrodenschrott unterwegs von Kiel nach Klaipeda vor dem Darß auf Grund gelaufen. Die Verkehrszentrale sah das Schiff direkt auf die Küste zusteuern und alarmierte bereits vorsorglich den Notschlepper, weil die betrunkene russische Schiffsführung nicht auf die Anrufe reagierte. Als die "Baltic" vor Ort eintraf, war das Schiff aber schon allein von der Untiefe wieder freigekommen.

Für den Fall der Fälle muss die "Baltic"-Crew immer einsatzklar sein. Die vor der Küste liegende Kadetrinne zählt zu den am stärksten befahrenen Seewegen Europas. Sie wird jährlich von etwa 65 000 Frachtschiffen, Tankern, Fähren und Fischtrawlern befahren.

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