Rezension : Philharmonie beglückt mit Lutoslawski

skryle

Orchester überzeugt mit modernem Werk und zwei eher klassischen Aufführungen.

nnn.de von
08. Mai 2018, 21:00 Uhr

Zurückhaltung und Jubel gleichermaßen prägten den Schlussapplaus zum 9. Philharmonischen Konzert mit der Norddeutschen Philharmonie. Akustisch überwog der Eindruck der Feier, nicht der bloß höflichen Beifallsbekundung. Was war geschehen?

Es geschieht nicht allzu häufig, dass eine vergleichsweise junge Komposition den zweiten Teil des Philharmonischen Konzertes füllt. „Jung“, das meint in diesem Fall: 63 Jahre. Auf dem Programm stand das „Konzert für Orchester“ von dem polnischen Komponisten Witold Lutoslawski (1913-1994), ein eher frühes Werk. Seine Experimente kamen erst später, als er die Werke von John Cage für sich entdeckt, mit Mitteln der Aleatorik zu komponieren begonnen hatte. Aleatorik – das bedeutet, dass nicht alle Passagen eines Werkes durchkomponiert sind, sondern lediglich bestimmte Rahmenbedingungen festgelegt sind, die von den Musikern individuell ausgeführt werden. In der Zeit des „Konzerts für Orchester“ war davon noch nichts zu spüren, das Stück arbeitet mit Elementen der klassisch-modernen Klangwelt, gleichwohl mag manchem Besucher des Abends die Musik durchaus aleatorisch vorgekommen sein. Überhaupt scheint das ganze Konzert aus ergreifenden musikalischen Momenten zu bestehen, die wie Bilder einer Ausstellung hochgehalten werden, um sich am Ende zu einem Ganzen zu fügen. Herrliche Melodiebögen sind mal dominant, mal überlagert vom Zischen und Rummsen der Schlagwerker, was aber nie mutwillig oder in irgendeiner Weise gewollt dissonant wirkt.

Berühmt ist gleich am Anfang ein Motiv aus schneidenden Streichern, das als Erkennungsmusik der bissigen Politsendung ZDF-Magazin mit Gerhard Löwenthal genutzt wurde. Ein Motiv, das in seiner Prägnanz an Bernard Herrmanns berühmte Streicher in der Messerstecherszene von „Psycho“ erinnert. Dabei wird bei Lutoslawski keineswegs gemeuchelt, vielmehr handelt es sich um ein ungemein zugängliches, geradezu volksnahes Werk, in der Aufnahme tradierter Motive nicht nur nah an Bela Bartok, sondern auch ganz dicht am Publikum.

Der für dieses Werk aufgefahrene Orchesterapparat ist beeindruckend, die Bühne voll wie sonst allenfalls bei Mahler. Flügel, zwei Harfen und eine große Anzahl Schlagzeuge verliehen diesem Werk einen regelrechten Groove. Es war großartig, Dirigentin Anna Skryleva zu beobachten, wie sie die Klangflut bändigte und ihr eine unglaubliche Dynamik verlieh. Kurz: Diese Aufführung war ein Erlebnis, vor allem weil es eine derartige Virtuosität erfordert. So war die Norddeutsche Philharmonie Rostock schon lange nicht mehr zu hören.

Verglichen mit diesem Spektakel fiel die erste Hälfte des Abends verhalten aus. Auf dem Programm stand zunächst die Symphonie Nr. 1 D-Dur von Charles Gounod – zu dessen 200. Geburtstag in diesem Jahr. Ein geradezu leichtgewichtiges Werk im Vergleich zu seinen späteren Vokal-Kompositionen. In kleinerer Besetzung gelangen der Philharmonie und Anna Skryleva ein ungemein transparenter und luzider Klang, und damit eine sehr schöne Leichtigkeit.

Etwas schwergewichtiger fiel Frédéric Chopins „Konzert für Klavier“ von 1830 aus. Solistin Anastasia Zorina (*1989) spielte das Werk routiniert und mit Energie, aber auch ein wenig kühl. Gleichwohl bedankte sich das Publikum ausgiebig, die Pianistin zeigte sich mit einer Etüde von Chopin als Zugabe erkenntlich.

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